Von Jürgen Dahl

Der Laboratoriumsdirektor bei der Shell in London, Dr. C. G. Hunter lud elf seiner Mitarbeiter zum Pestizid-Schmaus: Gemeinsam schluckten sie alle, vier Wochen lang, jeden Tag eine Dosis Dichlorvos, insgesamt fünf Milligramm pro Person. Keiner der Teilnehmer, so verkündete Dr. Hunter anschließend, habe irgendwelchen Schaden an Geist oder Körper genommen.

Das Dichlorvos der Firma Shell kann man, auch hierzulande, in jeder Drogerie erwerben. Es führt den Handelsnamen Vapona und dient in Form handlicher Aufhänger dazu, Kleiderschränke und Wohnzimmer von Fliegen, Mücken, Motten, Wespen und Spinnen freizuhalten. Es ist geruchlos, und monatelang wirksam, hat freilich den Nachteil, daß die Insekten auf dem Fußboden zu verenden pflegen, so daß man immerzu darauf herumtritt.

Daß dies nicht der einzige Nachteil der beliebten und in der ganzen Welt verbreiteten Vapona-Strips ist, hatten japanische Forscher schon vor zwei Jahren festgestellt. Sie wiesen nach, daß der Wirkstoff Dichlorvos bei Anwendung der Strips nach Gebrauchsanweisung den Cholinesterase-Gehalt des menschlichen Blutes binnen einiger Wochen fast auf die Hälfte des normalen Wertes absinken läßt.

Cholinesterase ist ein für das Funktionieren des vegetativen Nervensystems unentbehrliches Enzym; wird seine Bildung gehemmt, dann sind Bewegungsstörungen, schließlich Lähmungen und Tod die Folge. Dichlorvos wirkt demnach auf die gleiche Weise wie die chemisch mit ihm verwandten Nervengase militärischer Observanz. Diese Erkenntnis, die wohlgemerkt zwei Jahre alt ist, läßt es zumindest zweifelhaft erscheinen, ob es zweckmäßig ist, ein mit Dichlorvos getränktes Baumwollkissen monatelang an die Decke zu hängen – oder gar in den Schrank zu Kleidern und Wäsche (Packungsaufschrift: "... dringt in alle Ritzen und Ecken") – und dies keineswegs zur Beseitigung akuter Notstände, sondern vorsichtshalber und gewohnheitsmäßig, auch wenn weit und breit keine Motte zu sehen ist.

Die Zweifel an der Zweckmäßigkeit der Vapona-Strips wurden noch genährt durch die Feststellungen des schwedischen Biochemikers Göran Löfroth: Wer einen Vapona-Strip im Kleiderschrank hat, so ergibt sich aus seinen Messungen, der atmet während eines Neunstundenschlafes Nacht für Nacht mehr Dichlorvos ein als die Weltgesundheitsorganisation WHO als Tagesdosis für vertretbar hält.

Von solchen Nachrichten aufgeschreckt, fragte die englische Wissenschafts-Zeitschrift "New Scientist" vor einem Jahr bei der (mit dem Verkaufserfolg der Strips hochzufriedenen) Herstellerfirma an, ob man unter diesen Umständen den Verkauf von Vapona zu stoppen gedenke, und falls nein, warum nicht; Die Antwort der Shell war jenes Experiment des Dr. Hunter und seiner Männer, die furchtlos fünf Milligramm Dichlorvos verzehrten – was ihnen freilich um so leichter gefallen sein mag, als zu diesen? Zeitpunkt längst bekannt war, daß die Toxizität fünfmal geringer ist, wenn man Dichlorvos ißt, als wenn man es einatmet.