Von Werner Adam

Islamabad, im Dezember

Der pakistanische Historiker Mahmud Hussain prophezeite einen demokratischen Weltrekord. Er behielt recht. Denn das Wahlergebnis, das die Wähler Ostpakistans in freier Entscheidung zustande brachten, erreichen sonst nur die Einheitsparteien kommunistischer Staaten: über neunzig Prozent stimmten für eine Partei. Der Mann, der diesen triumphalen Erfolg erzielte, ist Scheich Mujibur Rahman. Er ist ein glühender Verfechter der Autonomie Ostpakistans und der unbestrittene Führer der „Awami Liga“. Seine Partei konnte bei den ersten Parlamentswahlen seit der Gründung des islamischen Nachfolgestaates von Britisch-Indien in der östlichen Landeshälfte sämtliche Sitze bis auf zwei erobern. In dem zweitausend Kilometer entfernten Westpakistan wurde die Volkspartei des früheren Außenministers Zulfikar Ali Bhutto zum Überraschungssieger.

Damit sorgten die fast 57 Millionen Stimmberechtigten des Landes im ersten Anlauf für einen dramatischen politischen Erdrutsch. Er hat nicht nur die Parteienlandschaft verändert, sondern auch den ideologischen Unterbau des Moslemstaates erschüttert. Auf der Strecke blieben vor allem jene, die in den fünfziger Jahren bei dem Versuch versagt hatten, ein demokratisches System zu etablieren. Aber auch die Kräfte, die das Rad zurückdrehen und Pakistan unter theokratischen Vorzeichen regieren wollten, verschwanden in der Versenkung. Ihr Appell, den Zusammenhalt der beiden ungleichen Landesteile durch eine Stärkung der religiösen Bande neu zu festigen, verhallte ungehört.

Die ostpakistanischen Wähler erteilten den Zentralisten eine gründliche Abfuhr und kürten Mujibur Rahman zum Sprecher ihrer Provinz. Scheich Mujibur kann nun mit Recht behaupten, siebzig Millionen Bengalen hätten sich vorbehaltlos zu seinem Sechspunkteprogramm bekannt. Dieses Programm zielt auf die weitgehende Autonomie Ostpakistans ab. Der Zentralregierung will es nur noch die Verantwortung für die Außen- und Verteidigungspolitik überlassen.

Selbst seine Gegner hatten nicht bezweifelt, daß Mujibur Rahman die Wahlen gewinnen würde. Dazu jedoch, daß sein Sieg so haushoch ausfiel, trug entscheidend das Versagen der Militärregierung Yahya Khans nach der Katastrophe im Golf von Bengalen bei. Mujibur Rahman klagte die Regierung verbrecherischer Fahrlässigkeit an und warnte, Ostpakistan habe eine Million Menschen durch die Sturmflut verloren – nun sei es bereit, noch eine Million zu opfern, um endlich frei leben zu können. Als er gefragt wurde, ob er damit Sezession und Unabhängigkeit meine, antwortete er zum erstenmal nicht mehr mit einem Nein, sondern mit einem drohenden: „Noch nicht.“ Die Ostpakistaner, die sich schon lange als Stiefkinder der fernen Zentralregierung vorkommen, honorierten seine Haltung. In der 313 Mitglieder zählenden gesamtpakistanischen Nationalversammlung führt er jetzt die Mehrheitsfraktion: 167 Abgeordnete.

Der Sieger von Ostpakistan ist der Bilderbuchtyp des Volkstribunen: hochgewachsen, mit weittragender, eindringlicher Stimme und ausgeprägtem Temperament. Sein politisches Glaubensbekenntnis ist populär in einem Landstrich, der zu den ärmsten der Welt zählt. Er fordert Landreform, Aufhebung der Monopole in Industrie und Presse, Nationalisierung der Banken und Versicherungsgesellschaften. Mao Tse-tung gehört zu seinen Lieblingsschriftstellern, aber er ist kein Kommunist. Er lehnt jegliche Form der Diktatur ab, weil Diktaturen „Revolutionen und schließlich die Anarchie provozieren“.