Von Horst Bieber

Am 7. Juli 1815 leistete er in Saint-Denis dem Allerchristlichsten König Ludwig XVIII. von Frankreich den Treueid – den achten seines Lebens. Im Vorzimmer des Königs stand er vergnügt mit einem anderen, nicht minder umstrittenen Staatsmann Arm in Arm. Ein melancholischer Zeuge, Chateaubriand, beobachtete beide Männer voller Abscheu. Sein Stoßseufzer: "Das Laster, gestützt auf das Verbrechen", ist in die Geschichte eingegangen.

Das Laster – das war der undurchsichtige, aber erfolgreiche Diplomat Talleyrand. Das Verbrechen – das war Joseph Fouché, genannt Fouché des Nantes, von Napoleons Gnaden Herzog von Otranto und unter verschiedenen, einander unversöhnlich feindlichen Herren Frankreichs berüchtigter Polizeiminister. Etwas von der Verachtung, die Chateaubriand für Fouché hegte, schimmert noch in der glänzend geschriebenen Biographie von Louis Madelin durch:

Louis Madelin: "Fouché 1759–1820"; aus dem Französischen von Gerhard Heller; Societäts-Verlag, Produktion Heinrich Scheffler; Frankfurt 1970; 374 S., 25,– DM.

Der Name Fouché war lange Zeit ein Symbol für Ehrgeiz und Charakterlosigkeit, für totale Gewissenlosigkeit und zugleich Politik im schlechtesten Sinn des Wortes: die Fähigkeit, sich um jeden Preis und mit jedem Mittel an der Macht zu halten. Madelin hat sich sehr weit, aber nicht völlig von diesem Klischee freigemacht. In seiner Darstellung gerät Fouché fast zur Symbolfigur des – ehrgeizigen Politikers, dessen ganzes Lebenvon der Furcht vor den Folgen einer einzigen Handlung bestimmt wird: Am 17. Januar 1793 hatte Fouché entgegen früheren Versprechen für den Tod des französischen Königs Ludwig XVI. gestimmt.

Aber war Fouchés Leben wirklich ein einziger Versuch, der Verantwortung für jenes "La Mort!" zu entfliehen und zugleich seinen unersättlichen Ehrgeiz zu befriedigen? Madelin ist geneigt, dieser Deutung zuzustimmen. Zu leicht, weil nur zu gerne, lastet er alle skrupellosen Winkelzüge, jenes kaum verhüllte "Der Zweck heiligt die Mittel" dem undurchsichtigen Charakter Fouches an, der es verstand, sein "Gewissen völlig zu vergessen". In solchen Momenten der Wertung übersieht der Autor, was seine detaillierte Darstellung sonst so reizvoll macht: Die Umstände waren "eben so".

Man konnte in jenen Jahren von 1789 bis 1815 charaktervoll sein. Allerdings war Fouché recht oft vor Augen geführt worden, wo die Karrieren charaktervoller Männer endeten: in der Verbannung, im Exil oder auf dem Schafott. Die Märtyrerrolle sagte ihm wenig zu; sein Ehrgeiz richtete sich auf das Hier und Heute und seine Vernunft auf das Morgen. Unbeirrt die eigene Überzeugung verfechten hieß aber auch Kampf mit der anderen, ebenso überzeugten Seite. Wenn jeder glaubte, das Recht auf seiner Seite zu haben, konnte nur Unrecht die Folge sein.