Mit einem dramatischen Appell hat sich der entführte deutsche Wahlkonsul in San Sebastian, Eugen Beihl, an die Öffentlichkeit gewandt. In einem Brief, der von spanischen Zeitungen abgedruckt und von Frau Beihl als echt bezeichnet wurde, rief er die demokratischen Länder Europas auf, sich für seine Rettung einzusetzen. Sein Schicksal hänge vom Ausgang des Basken-Prozesses in Burgos ab. Sollten die sechs beantragten Todesurteile vollstreckt werden, müsse er auch sterben. Das würde von Pater Lazarbal, dem Sprecher einer baskischen Hilfsorganisation in Südfrankreich, bestätigt.

Von Beihl fehlt bisher jede Spur, obwohl die spanische Polizei fieberhaft nach ihm und seinen Entführern sucht. Mehrere Spuren haben sich bis jetzt als falsch erwiesen.

Aus fast allen Ländern Europas wurden inzwischen Protestdemonstrationen gegen das Militärgerichtsverfahren in Burgos bekannt. Mitte vergangener Woche hatte das Gericht nach Tumulten im Saal auf weitere Zeugenvernehmungen verzichtet. Die fünf Richter beraten seitdem hinter verschlossenen Türen. Der Vatikan und mehrere Regierungen haben an Spaniens Staatschef Franco dringende Appelle gerichtet, keine Hinrichtung zuzulassen und die Todesurteile in Haftstrafen umzuwandeln.

Spanien steuert indessen der schwersten Krise seit dem Bürgerkrieg entgegen. Die Protestbewegung hat alle Landesteile und alle Bevölkerungsschichten erfaßt. Die Proteste gehen inzwischen über Burgos hinaus; das ganze spanische Regierungssystem wird angegriffen und verurteilt. Größtes Aufsehen erregte eine Versammlung von rund dreihundert Intellektuellen und Künstlern, die zum Teil der katalanischen Autonomie-Bewegung nahestehen, im Kloster Montserrat bei Barcelona. Fünf Minuten vor Ablauf eines Ultimatums verließen sie das umstellte Gebäude. In ihrer Erklärung prangerten sie den Prozeß als illegal an und forderten „mehr Freiheit für das spanische Volk“. Madrid verletze die elementarsten Menschenrechte.

Die spanische Regierung reagierte wie üblich mit Härte. Nachdem in der Vorwoche schon der Ausnahmezustand über die baskische Provinz Guipuzcoa verhängt worden war, setzte die Regierung am Wochenanfang Artikel 18 der Verfassung außer Kraft. Danach kann jeder Spanier festgenommen und für unbestimmte Zeit in Haft gehalten werden. In den größeren Städten rollte eine Verhaftungswelle an.

Kabinettsmitglieder haben keinen Zweifel gelassen, daß sie unter Einsatz aller Mittel die regierungsfeindlichen Aktionen und Demonstrationen niederschlagen wollen. Nach letzten Erklärungen hat sich Francos Regierung soweit mit dem Prozeß in Burgos identifiziert, daß ein Zurückweichen vor den Forderungen der Öffentlichkeit fast ausgeschlossen ist.