Die merkwürdige, in Westeuropa einzigartige Stellung der spanischen Kirche zum Staat ist im Prozeß gegen baskische Separatisten in Burgos transparent geworden. Angeklagt sind unter anderen zwei Priester, die gegen einen Staat gearbeitet haben, der ihrer Kirche einen ungewöhnlichen Schutz bietet, dafür aber weitgehend in das kirchliche Leben eingreifen darf. Die scheinbar geglückte, 1953 noch einmal befestigte Symbiose von Staat und Kirche ist längst brüchig geworden. Der niedere Klerus kämpft gegen Staatshörigkeit und für sozialen Fortschritt; die kirchliche Hierarchie wendet sich gegen staatliche Bevormundung und gegen rebellische Priester, die ihre Rechte in Frage zu stellen drohen.

Keine dieser Gruppen ist homogen oder in ihren Zielen einheitlich. Da gibt es regionale Sonderwünsche im Baskenland und in Katalanien, Differenzen über den richtigen „Weg des Fortschritts“ – Technokratie etwa im Stile der katholischen Laienvereinigung Opus Dei oder Rückkehr ad fontes? – und Auseinandersetzungen um Dogmen. Die Krise des spanischen Staates ist auch eine Krise der katholischen Kirche, die das Bedenkliche ihrer unmerklich gewachsenen Vermittlerrolle zwischen Staat und Bürger erkannt hat. Einen informativen, kenntnisreichen Überblick liefert ein schmales Bändchen:

„Der totalitäre Gottesstaat. Die Lage der Christen in Portugal, Spanien und im Baskenland“; eine Dokumentation im Auftrag der Arbeitsgemeinschaft von Priestergruppen in der BRD von Michael Raske, Klaus Schäfer, Norbert Wetzel in Verbindung mit spanischen, baskischen und portugiesischen Autoren; Patmos-Verlag, Düsseldorf 1970; 184 S., 8,50 DM.

Die Autoren neigen allerdings dazu, das überaus widersprüchliche Bild der staatlichen und kirchlichen Wirklichkeit zu vereinfachen. Deutlich wird aber die Grundtendenz: Von den Gemeindepriestern geht der Anstoß aus, der die Kirche zur Mitarbeit im sozialen Verwandlungsprozeß treibt. Auf diesem Grundmuster entwickelt sich die zweite große Bewegung: die Lösung der Kirche von einem Staat, der zu Reformen nicht bereit ist. Die Folgen dieses Prozesses sind unabsehbar, zwingt er doch die Kirche, zum erstenmal eigene Modelle gegen den erklärten Staatswillen zu entwickeln und durchzusetzen. H. B.