DIE ZEIT

Am Bürgerkrieg vorbei

Eine Woche lang stand Polen hart am Rande eines Bürgerkrieges. Danzig, Gdingen, Zoppot, Stettin, Elbing – die Nachrichten von Protest und Aufruhr folgten einander auf dem Fuße.

Der Umsturz in Polen

Gomulkas Räsonnement mag ähnlichen Überlegungen gefolgt sein, denn sonst hätte sich seine Regierung wohl kaum getraut, zehn Tage vor Weihnachten die Preise für Lebensmittel um zwanzig Prozent zu erhöhen.

ZEITSPIEGEL

Deutsch scheint in der Tat keine Weltsprache mehr zu sein, sogar in dem Lande nicht, das einst um ein Haar Deutsch statt Englisch zur Muttersprache erkoren hätte.

Ein Pragmatiker auf Gomulkas Stuhl

Ein solches Meer von Nationalfahnen und Girlanden, von Menschenmassen und Musickapellen hatte noch niemals den Weg eines ausländischen Gastes gesäumt.

Francos fatale Geister

Als Hauptmann Troncoso de Castro, Justizoffizier im sechsten Militärbezirk Entschluß, im Sommer 1969 den ehrgeizigen Entschluß, faßte, den größten Prozeß seiner Laufbahn zu inszenieren, rührte er unbewußt an die geistesgeschichtlichen Wurzeln eines Systems, das es sich als Ehre anrechnet, OrdnungsVorstellungen des Mittelalters in die Gegenwart zu integrieren: Er wählte aus mehr als siebzig verhafteten Mitgliedern der baskischen Nationalistenbewegung ETA sechzehn als Statisten eines Verfahrens aus, in dem sie sich stellvertretend für all das Staatsworten sollten, was sich der spanischen Staatsidee in den letzten Jahren entgegengestellt hatte – obgleich man es doch am Ende des Bürgerkrieges mit Stumpf und Stiel ausgerottet zu haben glaubte.

Tribunal gegen Dutschke

Wenn der Ausgang eines Verfahrens von Anfang an davon abhängt, was in seinen nichtöffentlichen Sitzungen von ungenannten Zeugen in Abwesenheit der Verteidigung und ihres Mandanten erklärt wird, dann haftet dem öffentlichen Teil etwas leicht Irreales an.

Contergan – keine Lehren?

Nach mehr als zweieinhalb Jahren ist jetzt der Conterganprozeß ohne Entscheidung eingestellt worden. In 283 Verhandlungstagen konnte nicht geklärt werden, wer für das gräßliche Unheil verantwortlich ist, welches das Schlafmittel Contergan angerichtet hat.

Schikanen vor dem Fest

Mit ihren neuen Schikanen an den Berlinwegen treibt die DDR-Regierung die Dinge auf die Spitze. Nicht nur Sitzungen des Bundestages, seiner Ausschüsse und Fraktionen geraten in das massive Störfeuer der verständigungsfeindlichen DDR-Politiker, sondern nun auch die Tagung von Organen einer Partei, die ihre Mitglieder sowohl in West-Berlin als auch in Westdeutschland hat – der SPD.

Krisenmanager als Bischof

in Porträt des neuen Landesbischofs von Hannover darf getrost mit dem Namen des alten beginnen. Hanns Lilje, den der verstorbene Chefredakteur der Welt, Hans Zehrer, einmal "eine der stärksten Figuren des deutschen Luthertums" nannte, ist seit 23 Jahren Bischof der mit fast vier Millionen Mitgliedern größtenlutherischen Landeskirche.

Beethoven – dreigeteilt

Aufgebracht verließ Botschafter Allardt die Diplomatenloge im Bolschoi-Theater. So verpaßte er nicht nur die großartige Festaufführung von Beethovens Neunter, sondern auch die Grußworte des stellvertretenden DDR-Kulturministers Bork, dessen Erscheinen ihn von seinem Sessel getrieben hatte.

Wolfgang Ebert:: Trostloses Fest

Auf ziemlich gemeine Weise ist dem Einzelhandel die Freude am Weihnachtsfest vergällt worden. Das haben die jungen Christen mit ihrer Aktion "Kritischer Konsum" getan.

"Einmal auf der Liste..."

Leverkusen "Wir nehmen an, daß es sich hier um einen normalen Fluktuationsfall handelt. Sollte Herr M. den Wunsch haben, für seine Firma wieder im Bayerwerk Dormagen zu arbeiten, so bestehen hiergegen von Seiten Bayer keine Bedenken.

In Oberhausen riß der Film

Schon vor Weihnachten fand in Oberhausen die Bescherung statt. Auf der Adventsfeier der "Arbeiterwohlfahrt" verkündete Oberhausens Oberbürgermeisterin, Luise Albertz, daß sie ihr Amt als Beirat im SPD-Parteivorstand des Unterbezirks Oberhausen niederlegen wolle.

Nannen contra Löwenthal: Elektro-Arena

Einmal mußte es ja passieren: eine Fernsehsendung,in der sich die Gegner nicht mit wohlgeglätteten Argumenten bearbeiten, ein live-Auftritt, dem das Leben nicht in stundenlangen Proben ausgetrieben wurde, ein Streit, den die beobachtenden Elektronenkameras nicht zu einem Austausch vage divergierenden Höflichkeiten herabdämpften, eine Konfrontation nicht zwischen unfaßbaren Fernsehpersönlichkeiten, sondern zwischen aufgebrachten Menschen, kurz, ein richtiger Krach, ungeschönt.

Der Tod des Zweiten Mannes

Über den Selbstmord des Verwaltungsdirektors und die Krise am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg

Maria Stuart stirbt noch einmal

Den Umgangston von Henkern und Mördern mit in den Tower geratenen Königen kennen wir von vielen Shakespeare-Szenen – kurzen, kruden Einblendungen, die die Umkehrung von hierarchisch gegliederter Demut zeigen.

Old Henri bei den Mainzelmännchen

Kölner Stadt-Anzeiger: Was diese beiden selbstbewußten Repräsentanten der deutschen Journalistik angesichts eines riesigen Publikums zeigten, war die furiose Ouvertüre einer Oper, die demnächst vor Gericht aufgeführt werden wird und schon heute nichts Gutes verspricht.

Prophet im Ausland

Fritz Lang wurde dreimal aus Deutschland vertrieben: von den Nazis 1933, von der deutschen Filmbranche 1957 und von den Verwaltern der Filmkultur (uns Kritiker eingeschlossen) durch hartnäckiges Ignorieren permanent bis heute.

Laufstege in die Geschichte

Das Weihnachtsprogramm der deutschen Kinos hat seine eigenen Gesetze. Nach der Totalflaute im Sommer und der Premierenflut im Herbst beherrschen nun eindeutig zwei Trends das Angebot: Zeichentrickfilme, die in Machart und Funktion den sogenannten Familienfilm abzulösen scheinen, und monumentale, historische, meist überlange und mindestens Panavision-breite Filme.

ZEITMOSAIK

Der Professor ist nicht einfach ein Weiser, sondern ein solcher mit Bestallung, Autorität, Auditorium, Examensgewalt und Pensionsberechtigung – kurz, ein Weiser, gerüstet mit Macht.

Gotik in Böhmen

Die "Geburt Christi", aus dem großen Bilderzyklus, den der Meister von Hohenfurth um 1350 gemalt hat, ist ein Hauptwerk der böhmischen Malerei, kunstgeographisch auf der Mitte zwischen Italien und dem Norden.

Viele Steinchen machen noch kein Mosaik

Sobald sich die Zeiten ändern, ändern sich auch ihre Chronisten und Deuter, nicht zuletzt jene dichtenden Zeitungsleser, die die Literatur für eine Zwillingsschwester der Zeitgeschichte halten.

Aus dem Leben eines Eulenspiegels

Von Günter Bruno Fuchs gibt es keinen Haupttitel, den man bequem im Munde führen könnte, sondern eine Menge von Einzelveröffentlichungen mit komplizierten Titeln, gefüllt mit Kneipenträumen in Lyrik und Prosa, Trinker-Meditationen und Blättern eines Hofpoeten, Parabeln und Fibelgeschichten, die er den Rummelplätzen der Phantasie abgewonnen hat und abseits des kulturellen Großbetriebs bei einer beständigen Zahl von Lesern anbringt.

KRITIK IN KÜRZE

"Report einer ‚guten alten Zeit‘", von Peter Lahnstein. Nicht nur die Anführungszeichen im Titel, sondern auch die Gravüre auf dem Schutzumschlag (einem armen Sünder wird soeben das Haupt abgeschlagen) zeigt, daß es hier durchaus nicht darum geht, eine vergangene Zeit nachträglich zu einer besseren zu machen.

Der große bschiss

Goldmacherstübchen und Alchimistenküchen zeigt diese Abbildung aus dem frühen siebzehnten Jahrhundert: Vor einem Altar mit hebräischen und lateinischen Inschriften kniet der Adept, um Erleuchtung und Beistand zu erflehen; das Heiligtum ist dem Betrachter vorübergehend enthüllt wie das gegenüberliegende Gewölbe mit dem Experimentierofen und den dazugehörigen Werkzeugen; auf dem Tisch in der Mitte des Saales liegen alchimistische Arbeitsgeräte neben Notenbüchern und Musikinstrumenten zum Lobpreis Gottes.

Stalins seltsamer Protegé

Michail Bulgakow ist eine tragische Figur des zwanzigsten Jahrhunderts, sofern man unter Tragik dies versteht: die sich ständig erneuernde Dissonanz zwischen persönlichem, tief begründeten! Geltungsanspruch und Gesellschaft, Wenn Bulgakow zu Lebzeiten überhaupt anerkannt wurde, so bezog sich die Anerkennung immer nur auf Segmente seines Daseins und auf Teilgebiete seiner literarischen Leistung.

Eine Statistik der Gewalt

Neben seinen Kreditkarten ruht in der Brieftasche des guten Amerikaners neuerdings ein zweiter Ausweis seiner Vertrauenswürdigkeit: eine Mitgliedskarte des lokalen Vereins zur Verbrechensbekämpfung.

Leukämie ist eine Viruskrankheit

Viel diskutiert, doch trotz intensiver Forschung bisher weder eindeutig widerlegt noch bestätigt scheint die alte Vermutung, daß Viren auch beim Menschen Krebs erzeugen können oder doch zumindest bei der Krebsentstehung maßgeblich beteiligt sind, jetzt mehr und mehr Bestätigung zu finden.

Sauerstoff für Mondkolonien

Erreicht dieses recht reaktionsfreudige Metall eine bestimmte hohe Temperatur, so verbindet es sich mit Sauerstoff. Diese für die Industrie lange Zeit ebenso ärgerliche wie kostspielige Affinität führt dazu, daß es in der Natur nicht elementar, sondern als sauerstoffhaltiges Titaneisen, Ilmenit genannt, vorkommt – auch auf dem Mond.

Berauschte Mäuse

Mäuse, die eine Zeitlang die Rauschdroge LSD erhalten haben, lernen anfangs wesentlich schlechter als ihre Artgenossen, denen kein LSD gegeben worden ist.

Von jeher getrennt?

Unsere Befunde lassen es nicht mehr als so gesichert erscheinen, daß der afrikanische und der nordamerikanische Kontinent vor Jahrmillionen einmal miteinander vereint gewesen sind, wie es heute allgemein angenommen wird.

Kunstkalender

Das Museum Folkwang hat 1928 einen internen Künstlerwettbewerb veranstaltet: Baumeister, Heckel und Schlemmer sollten Entwürfe für Wandbilder in dem Raum, wo auch heute immer noch der Georg-Minne-Brunnen steht, einreichen.

"Profitgeier" vom "Floh de Cologne" in Köln: Lieber rot als doof

Die fünf Kabarettisten mit dem Namen "Floh de Cologne" wollten schon lange keine Kabarettisten mehr sein. Wo Attacken wie lustige Turnierspiele wirken^ wo das Publikum die Angriffe auf sich selber mit prasselndem Beifall erwidert, wo Aggressionen von der Bühne wie Tortenstücke mit Schlagsahne verdrückt werden, entstehen Zweifel an der Erfüllbarkeit der alten kabarettistischen Mission, aufzurütteln und vielleicht sogar Taten zu provozieren.

FILMTIPS

Im Fernsehen: "Der Tiger von Eschnapur" und "Das indische Grabmal" (1956), von Fritz Lang, ARD am 25. und 26. Dezember. "Das Kabinett des Dr.

Fernsehen: Das fleißige Journalieschen

Auf dem Bildschirm: Männer des Wortes. Nein, das war kein intellektuelles Catchas-catch-can, kein Intelligenzboxen, mögen auch die Seitenhiebe, Tiefschläge, Ausrutscher zu solchem Vergleich verleiten.

DIE NEUE SCHALLPLATTE

Vor zwei Jahren bot die erste Kassette ein Sammelsurium aus allen stilistischen Richtungen, nicht einmal repräsentativ ausgewählt.

Immer Ärger mit Reformen?

Manchmal muß man den Eindruck gewinnen, die Regierung wolle ihr Versprechen "Wir schaffen das moderne Deutschland" nach der Devise einlösen: Reformen dürfen alles kosten, nur kein Geld.

Korruption in Bonn: Mit kleinen Geschenken ins große Geschäft

Alle wollten vom Staat profitieren – eine Frankfurter Elektronikfirma durch den Verkauf hochwertigster Flugzeuggeräte, ein Beamter, indem er sich den Spielraum seiner Ermessensentscheidung teuer bezahlen ließ, ein Offizier, dessen technischer Sachverstand hoch im Kurs stand, und ein Hilfsreferent, der zwar nichts zu sagen hatte, dennoch, aber mit von der Partie war.

Wundermittel

Das Bundeskabinett ist sich einig: Deutschlands Steuerzahler sollen in Zukunft nicht mehr auf Kosten des Fiskus "Vermögen bilden" können.

Weihnachtsklau

Weihnachten ist das Fest der Liebe und der Freude. So jedenfalls wird uns das "schönste Fest des Jahres" in besinnlichen Betrachtungen ans Herz gelegt.

REPORT AUS BONN

In Bonn rätselte man, woher der ehemalige Innenminister Paul Lücke (CDU) das Geld hat, um seiner Partei 67 750 Mark spenden zu können.

Handstreich

Wie würde wohl die Öffentlichkeit reagieren, wenn etwa folgender Fall eintreten würde: Bundesverkehrsminister Georg Leber ärgert sich dermaßen über die Zahl der Trunkenheitsdelikte, daß er die Bundesregierung verkünden läßt, ab sofort werde bestraft; wer mit 0,9 Promille am Steuer eines Fahrzeugs angetroffen wird.

Vor dem Sprung nach oben?

Seit Wochen liegen die Kurse deutscher Stahlaktien bemerkenswert stabil. Das ist weniger eine Folge ständiger Käufe als die einer minimal gewordenen Abgabebereitschaft.

Briefmarken: Diffiziles Geschäft

Briefmarken vom Kuvert zu schnippeln", mokiert sich Karl F. Meyer-Beer, Firmeninhaber des Frankfurter Auktionshauses Schwerin, "ist zwar ein in der Bundesrepublik weitverbreitetes Hobby (90 Prozent der drei bis vier Millionen Sammler).

ZEITRAFFER

Der Entwurf für ein Krankenhausfinanzierungsgesetz wurde jetzt vom Bundeskabinett verabschiedet. Die Krankenhäuser sollen danach "bedarfsgerecht" aus öffentlichen Mitteln gefördert werden.

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