Von Joachim Scharfenberg

Seit Karl Barth, Rudolf Bultmann und Dietrich Bonhoeffer versteht sich evangelische Theologie ihrem Ansatz nach weithin als religionskritisch. Christlicher Glaube und Religion mußten als zwei völlig verschiedene und miteinander unvereinbare Größen gelten; nur so meinte man sich dem tödlichen Angriff von Feuerbach und seinen Nachfolgern entziehen zu können. Christlicher Glaube mußte seiner Substanz nach als verschieden angesehen werden von der religiösen Redeweise des Mythos, die vergangen und erledigt sei; nur so meinte man auch als moderner Mensch glauben zu können. Christlicher Glaube mußte so formuliert werden, daß er auch einem religionslosen Menschen nahezubringen war; nur so meinte man, zum Aufbruch aus der Kathedrale mit ihren feierlichen und unverständlichen Riten aufrufen zu können.

Allein, Bonhoeffers Zukunftsvision vom religionslosen Menschen hat sich nicht bestätigt. Eher hat Berdjajew recht behalten mit seiner Behauptung, der Mensch sei unheilbar religiös. Und die Religion, von der Theologie nur noch als recht ärgerliches "Phänomen" ernstgenommen und an die randständige "Religionsphänomenologie" zur Nachlaßverwaltung verwiesen, feierte eine unvorhergesehene Auferstehung in Gestalt von politischen Religionen, Massenritualen, großer Verweigerung, bewußtseinserweiternden Rauschzuständen und ähnlichem. Sie entwickelte, unbehelligt von theologischer Beratung und Betreuung, ein unheimliches und für viele bedrohliches Eigenleben. Man ist versucht zu sagen, die Einstellung von Theologie und Kirche werde durch den Slogan gekennzeichnet: Alle reden von Religion – nur wir nicht!

Die historisch-kritische Arbeit an den biblischen Quellen des christlichen Glaubens hat eins deutlich hervortreten lassen: Der "Gegenstand" des Glaubens ist aus seinen Quellen nicht mit der gleichen objektiven Klarheit zu ermitteln, wie der Naturwissenschaftler bislang seinen Erkenntnisgegenstand erfaßt hat. Was ursprünglich gemeint war, läßt sich nicht ohne weiteres destillieren. Der "garstige Graben" einer mehrtausendjährigen Wirkungsgeschichte dieser Texte läßt sich nicht einfach überspringen. Man muß sich damit bescheiden zu ermitteln, was diese Texte uns sagen.

Wer formuliert aber das Vorverständnis, welches das Woraufhin der Textbefragung zu leiten hätte? Wer formuliert das Selbstverständnis heutiger Menschen? Ist es übertrieben anzunehmen, daß Marxismus und Psychoanalyse das Erbe der Existenzphilosophie angetreten haben? In der Theologie ist, abgesehen von bescheidenen Ansätzen, dies noch nicht versucht worden. Statt dessen ist eine neue Literaturgattung entstanden, für die ich, nach einer bekannten Formulierung von Claude Levi-Strauss, die Bezeichnung "wilde Exegese" vorschlagen möchte, weil hier der Theologie von außen her der Alleinvertretungsanspruch auf ihre Quellen bestritten und auf elementare Weise, ohne Rücksicht auf die Kunstregeln theologischer Schriftauslegung, die Bibel neu entdeckt wird.

Für viele überraschend, hat der vom Marxismus herkommende Philosoph der Hoffnung, Ernst Bloch, Dietrich Bonhoeffers These vom religionslosen Christentum zur Forderung nach einem atheistischen Christentum vorangetrieben. "Nur ein Atheist kann ein guter Christ sein, nur ein Christ kann ein guter Atheist sein", so lautet die provozierende Leitthese seines Buches "Atheismus im Christentum". Für ihn ist Religion re-ligio, Rückverbindung mit dem mythischen Gott des Anfangs, der Weltschöpfung.

Um diese beiden Elemente geht es Bloch: um das Eschatologische als historisch-kosmische Sprengkraft und darum, daß der Mensch lebe ohne jenen Moloch-Gott, der seine eigene Größe nur durch die Kleinheit und Armseligkeit des Menschen zu erhalten weiß. So liest Bloch die Bibel – nicht mit Bultmann, der das Eschatologische lediglich in die einsame Seele und ihren Bürgergott einzusperren versucht habe, und nicht mit Barth und seinem "bis zum lehrreichen Exzeß hypostasierten Herren-Mythos", sondern mit den Autoren des Kommunistischen Manifestes, unter dem Panier eines Programms der Enttheokratisierung, das einen in der Bibel verborgenen Text zu retten unternimmt.