Die fünf Kabarettisten mit dem Namen „Floh de Cologne“ wollten schon lange keine Kabarettisten mehr sein. Wo Attacken wie lustige Turnierspiele wirken^ wo das Publikum die Angriffe auf sich selber mit prasselndem Beifall erwidert, wo Aggressionen von der Bühne wie Tortenstücke mit Schlagsahne verdrückt werden, entstehen Zweifel an der Erfüllbarkeit der alten kabarettistischen Mission, aufzurütteln und vielleicht sogar Taten zu provozieren. So fanden die fünf Kölner vor gut anderthalb Jahren ihre eigene Art: Gesellschaftskritik mit Hilfe von Beat und Buntlicht-Illuiminationen. „Fließbandbabys Beat-Show“ war eine gelungene, eine originelle Satire auf den Konsumeifer unserer Wegwerfwelt.

Aus dem Beat ist nun „Rock“ und aus der Show „Oper“ geworden; aber die „Rock-Oper“ mit dem Titel „Profitgeier“ hat natürlich gar nichts mit der Oper zu schaffen, und der Kölner Rock’n’ Roll ist weder origineller noch erfindungsreicher als der Beat von gestern, nur ungehobelter ist er und platter, oft war er grob wie das Programm.

Und das sollte so sein, auch wenn andere das längst für gefährlich halten: Franz Josef Degenhardt hat seiner Devise „Zwischentöne sind Krampf im Klassenkampf“ längst abgeschworen; Artur Klönne, politischer Journalist an der alten Zeitschrift „Song“, hat 1968 darauf aufmerksam gemacht, daß es nunmehr auf Differenzierung ankomme, wenn man die Ermüdung durch Klischees, also durch Halbwahrheiten vermeiden wolle.

Was er das „historisierende Einfache Leben in Sachen Politik“ nannte, war nun soeben vom „Floh de Cologne“ zu hören, zum Beispiel in der Duisburger „Hüttenschenke“ vor Mannesmann-Lehrlingen oder in der Diskothek „Piccadilly“ in Hagen, wo ein profitbewußter Gastronom den Lehrlingen und Schülern zwei Mark zwanzig für das Bier abknöpft, demnächst auch in öffentlichen Sälen vieler Städte.

Um die Lehrlinge geht es den fünf Kölnern diesmal, vor allem sie wollen sie erreichen, zu Solidarität anregen gegen Lehrherren, die ihnen mit Hilfsarbeiten die Lehrzeit stehlen, gegen Unternehmer, die sich an ihrer billigen Arbeitskraft bereichern. Tatsächlich war das erste Drittel des Programms aufregend, weil es auf Tatsachen basierte, die mit Fleiß zusammengelesen waren. Schon aus der bloßen Mitteilung und aus ihrem Arrangement entwickelte sich Wirksamkeit.

Dann jedoch flohen die „Flöhe“ in die Unverbindlichkeit von Schimpftiraden, in denen die Wirklichkeit zu Agitprop-Floskeln gestutzt und also unidentifizierbar wurde. Wie geschickt viele formale Textversuche auch geraten sind – sie haben zum Inhalt nichts weiter als die Trivial-Klischees aus dem Frühkapitalismus, denen zufolge alle Unternehmer Profitgeier „mit gierigen Krallen“ sind, die nichts weiter im Sinn haben, als auf ihren Geldbergen zu hocken und auf neue Opfer zu warten: „Wir brauchen keine Milliardäre ... wir brauchen keine Unternehmer“, ja, „und eines Tages werden die Reichen aussterben wie die Saurier“, streikt nur schön kräftig.

So einfach ist das, so einfältig ist das. Gewiß kann man Lehrlinge auffordern, „mal rot vor Wut zu werden“, und ihnen die seltsame Alternative „lieber rot als doof“ stellen; aber ist es nicht sehr fraglich, daß man Einsichten hervorruft, indem man bloß ein bißchen flucht? Die alten Marxisten glaubten an die Parole „Wissen ist Macht“; dem „Floh de Cologne“ genügt der Schlachtruf „Aufmotzen ist Macht“.

Es hat den Anschein, daß dieser Kölner Floh diesmal nicht in die Haut gestochen, sondern nur ins Hemd gemacht hat. Manfred Sack