Zeichentrickfilme sind wie Barockmusik: unverbindliches Material für die Indifferenz beim Erlebnis heiliger Feste. Wenn das eine erscheint und das andere erklingt, heißt das: der Blitzableiter ist errichtet, die Gefühle können in die Erde versinken oder in den Himmel rutschen, es ist die Befreiung aus einer Notlage, die ein Datum hervorruft. Sicherlich gibt es noch andere Erklärungen für dieses Phänomen: daß nämlich im Dezember, Weihnachten im Auge, der Zeichentrickfilm ins Kino einzieht, Nebengeschenk für die Kinder, überreicht unter Aufsicht von Mami und Papi.

Ehe so etwas losgeht: die Beschenkten langweilen sich still und aufrecht im Sonntagsanzug vor sich hin, die Eltern passen auf; oder sie vernichten ihre Langeweile, indem sie hopsen, singen, schreien, auf die Polster klopfen, mit den Sitzen klappern, drauf klettern und melden: "Ich bin größer als ihr!" Endlich gehen sie wirklich los, die zwei Stunden für die Kinder. Wirklich nur für die Kinder?

Zeichentrickfilme sind wie Gesellschaftsspiele: die Vertriebsbranche besteht darauf, daß Erfinder und Hersteller sie für Kinder gemacht hätten. Seitdem wird beides, dort verkauft, wo für Kinder gekauft wird: Spiele jedweder Kategorie und Schwierigkeit im Spielzeugladen, Zeichentrickfilme im Kino dann, wenn Kinder erwartet werden, also besonders zu Weihnachten.

Und so ist dann das Kinopublikum dort: Kinder allein, Kinder mit Begleitpersonal, alte Erwachsene, vereinsamte Erwachsene, Erwachsene, die sich bei scheinbar Kindlichem scheinbar kindisch erholen, und ein paar, die der intellektuelle Witz mancher gefilmten Comic strips angezogen hat.

"Is das’n Fernsehen, Mama?" – "Ne, Kino, kuck mal da oben, da kommt’s raus, und nun sei still, setz dich hin, paß auf." – "Ruhe", zischte jemand von hinten. "Nanu", erwidert ein Vater laut, "sind wir hier in einer Kindervorstellung oder wo?"

Ich habe drei Zeichentrickfilme gesehen, "in diesen Tagen"; einer war keineswegs nur für Kinder, sondern auch für Kinder.

Der erste Film heißt "Tim und Struppi im Sonnentempel" und schildert die Befreiung eines Professors, den die Rächer des Inka-Fürsten Rascar-Capac als Geisel entführt haben für eine Mumie, die ein paar Wissenschaftler mitgenommen hatten. Der Befreier ist Tim, "16 Jahre. Bald siebzehn. Von Beruf: Weltumsegler, Reporter, Detektiv." Er "ist immer da, wenn jemand in der Klemme sitzt". Er hat ein Eierkuchengesicht und eine rote Max-Tolle drauf. Er ist ungeheuer edel, zu Dummheiten völlig unfähig, und so blöd redet er auch daher.