Zu den letzten Rennern jeder literarischen Herbstsaison gehört eineSparte vonBüchern, die immer etwas im Schatten der öffentlichen Aufmerksamkeit stehen, da man sich wohl zu sehr an sie gewöhnt hat. Es sind die Kalender. Wir rücken sie hiermit unter der bildhaften Überschrift "Im Fokus des Geredes" in den Brennpunkt des Gesprächs. Joachim Kaiser, Marcel Reich-Ranicki und das Kollektiv "Rotzjunge" (Rote Zelle Junge Literatur) eines Berliner Kinderladens haben sich eines solchen Literaturerzeugnisses angenommen. Wie immer, so soll auch diesmal die Mehrfachrezension die Auswüchse des Kulturbetriebs unterlaufen. Die Meinung, sie gehöre selber dazu, ist wie immer irrig.

Ein Buch liegt vor uns. Es ist die neueste Folge einer wohlbekannten Reihe. Muß der Kritiker da nachsichtig sein? Hat er seine ästhetischen Ansprüche herunterzuschrauben? Hebt er vielleicht einen Einzelband zu sehr heraus, wo es doch um, die ganze Reihe geht?

Die Antwort liegt auf der Hand. Je genauer Und unnachsichtiger er ist, desto mehr wird er das Talent des betreffenden Autors, falls sich ein solches ankündigt, fördern, indem er ihm seine Schwächen verdeutlicht. Und wenn man ihn dann als grausam schilt, so wird ihn das nicht scheren dürfen, ein feines Sensorium für die zartesten Regungen literarischen Schaffens sowie starke Nerven gegenüber unvermeidbaren Angriffen gehören nun einmal zu unserem Beruf; wer beides nicht hat, sollte lieber die Finger davon lassen.

Wenden wir uns nun unter diesen Voraussetzungen dem Buch

"TeBe-Kalender 1971", Ausgabe F; 3,15 DM

zu, so stößt zunächst dessen äußere Erscheinung ab. Auf einem durch und durch gleichfarbigen Hintergrund steht lediglich die Zahl 1971. Will man wirklich das sinnliche Wahrnehmungsvermögen des Lesers anreizen? Sagen wir es offen, meines wird davon keineswegs stimuliert. Unangenehm berührt schlagen wir nunmehr das Buch auf. Werden wir die Spuren eines neuen Talents ertasten? Oder wird es wieder eine dieser zahllosen Eintagsfliegen sein? Wird uns das Buch etwas sagen über die reale Wirklichkeit, oder werden unsere erwartungsvollen Hoffnungen wieder einmal enttäuscht werden? Werden wir nach seiner Lektüre mehr wissen über den Autor, über uns, unser Leben – die Art unseres Leidens und Liebens also, wird er diesem neue Seiten abgewinnen, oder werden wir weniger wissen? Simple Fragen, gewiß. Aber wird uns die Antwort befriedigen?

Nichts wird vom Kritiker mehr verlangt als unverhüllte Klarheit seiner Kritik. Machen wir uns nichts vor: mit Drumherumreden ist noch kein Talent gefördert und kein fehlendes Talent aufgezeigt worden. Um das Kind ganz klar beim Namen zu nennen, dieses Buch hat mir einige unvergeßliche Minuten verschafft, die Hälfte davon schöne, die andere Hälfte häßliche. Man sieht daraus, daß es eine starke gegensätzliche Polarität in sich vereinigt, überraschend exzellenten Stärken stehen ebenso herausragende Schwächen gegenüber.