Von Heidi Dürr

Die Krankheit ist seit langem bekannt. Sie gehört zum deutschen Sortimentsbuchhandel fast ebenso dazu wie die Ware Buch: niedrige Umsätze und eine minimale Rendite. Im Jahre 1968 hatten rund 37 Prozent der 3368 Buchhandlungen einen Umsatz von weniger als 100 000 Mark, weitere 31 Prozent erreichten weniger als eine Viertelmillion. Im Schutz der Preisbindung verlief die Branchenkrankheit allerdings nur selten tödlich, und so dachte kaum einer der traditionsgläubigen Buchhändler daran, sie gründlich zu kurieren. Wenn überhaupt eine Behandlung begonnen wurde, so ließ man es meist bei Großmutters Hausmittelchen bewenden.

In den vergangenen zwei bis drei Jahren haben sich die Überlebenschancen freilich erheblich vermindert. Steigende Personal- und Sachkosten, ein verschärfter Wettbewerb zwischen dem Buch und anderen Unterhaltungs- und Informationsmedien bei gleichzeitiger Ausweitung des Buchangebots waren die Ursachen dafür, daß schon 1968 eine große Zahl von Firmen mit Verlust abschloß. Diese Situation hat sich seitdem eher noch verschlimmert.

Ob sich ein Massenkonkurs und damit eine drastische Einschränkung des buchhändlerischen Vertriebsnetzes noch vermeiden lassen, erscheint fraglich. Immerhin hat die akute Gefahr einige Leute auf den Plan gerufen, die versuchen wollen, den Buchhandel in neuen Formen zu erhalten. Sie schlagen eine Radikalkur vor, in der buchhändlerische Erbkrankheiten – wie etwa ausgeprägter Individualismus, Aversionen gegen Kooperation und Rationalisierung und mangelhafte kaufmännische Fähigkeiten – mit einem Schlage beseitigt werden sollen: die Handelskette.

Bisher stehen vier Arten von Ladenketten zur Diskussion, von denen zwei bereits existieren und zwei erst geplant werden. Der erste, der die Situation des Buchhandels nicht nur erkannte, sondern auch für sich die Konsequenzen daraus zog, war der Frankfurter Buchhändler Hermann Montanus. Ihm gehörten bereits zwölf Frankfurter Bahnhofsbuchhandlungen und neun traditionelle Sortimente, als er im Juni 1969 zusammen mit der internationalen Finanz-Holding General Shopping S.A. in Luxemburg, hinter der vor allem Schweizer Banken stehen und die bereits an mehreren deutschen Firmen (unter anderen am Hamburger Otto Versand) beteiligt ist, die Montanus Aktuell GmbH & Co KG in Frankfurt gründete. Komplementär dieser Gesellschaft ist die GmbH mit einem Stammkapital von 100 000 Mark, das sich Hermann Montanus und die General Shopping teilen. Das übrige Gesellschaftskapital von drei Millionen entfällt zum größten Teil auf die beiden Kommanditisten Montanus und General Shopping (je 1,4 Millionen), der Rest zu gleichen Teilen auf Alfred Maurer (Zürich) und Emil Haering (Basel), die beide bereits Erfahrungen mit Kettenläden haben.

Abschied von der Tradition