Weihnachtsprogramme der deutschen Sender

Was immer es war – ein Kontrastprogramm war es gewiß nicht, was da zwischen dem Heiligen Abend und der Nacht des zweiten Festtags den Bildschirm passierte: Hier Weihnachtsgesänge für Knabenchor und Harfe und dort Lieder zum Fest, fromme Weisen auf allen Kanälen! Und dann, in feudalem Rahmen stilecht wiedergegeben, die Musik alter Meister, hier Brühler Schloßkonzert, dort das Konzert in Sanssouci, Idyllen in Dur, stimmungsvoll ergänzt durch eine wahrhaft verschwenderische Eis- und Wald- und Schnee-Szenerie: die einen boten Tanz, die anderen Zauber, und beide boten’s auf dem Eis, und beide boten’s gleich mehrfach.

Es wurde überhaupt viel gezaubert an diesen Tagen, einerseits auf dem Konzertpodium (Zauber der Musik) und dann natürlich im Zirkus, dem nächst Krippe, Schloß und Schnee beliebtesten Aufenthaltsort der festlichen Stunden: Hier Zirkusluft und Zirkus Billy Smart, Das Zirkusabenteuer und Der größte Zirkus der Welt, man kam aus dem festlichen Stalldunst schier nicht mehr heraus, dort immerhin Manegenzauber, womit dann der Anschluß an die höheren Zauber, die der Künste, wiederhergestellt war, hier Musik und dort Lieder, beides zum Fest.

Die Parolen hießen, sehr bewährter Tradition getreu, "Schatzkästlein" und "Wunschkonzert": Man kehrte in Florenz ein und im goldenen Zeitalter Böhmens, schwelgte in Kunst und pflegte den höheren Menschen, man genoß, im Sessel zurückgelehnt – wie ein Feudalherr, der die Puppen tanzen läßt, die Hirten- und Hürden-Welt der Folklore, war bei einer Weihnachtsfeier deutscher Soldaten in der Wüste von El Paso, New York, New York und zu gleicher Zeit, und zwar mit Musik, im West-Erzgebirge zugegen.

Ein wenig panem, dem Anlaß entsprechend eher metaphorischer Art, und sehr viel circenses: So wurden die Schätze der Erde verteilt an diesen Tagen, und da ja nicht allein das festliche Konzert mit Kerzenbeleuchtung im Schloß, sondern auch und vor allem Operette und Film mitsamt ihren Bergseen, Menschen und Hotels zum bürgerlichen Besitzstand gehören, fehlte es an den entsprechenden Darbietungen nicht: Hier Im weißen Rössl, selbstverständlich auf dem Eis vorgeführt, das zündende Singspiel, mit Kilius-Bäumler, dort, gleichfalls in der Welt der Berge lokalisiert, die Zürcher Verlobung. Und am Nachmittag dann, als Fortsetzung auf die Feiertage verteilt, Indisches Grabmal, Tiger von Eschnapur und Die drei Musketiere, von Harbou und Dumas.

Mit einem Wort, die Programme waren austauschbar; leise rieselnder Schnee hüllte, was wirklich ist, ein; Maria, Joseph und das Kind spielten ihre Rolle im Weihnachtstheater; die Kunst verkam zur Künstlichkeit, ihre Versatzstücke gewannen Drapierungscharakter. Eine gespenstische Oper, das Ganze: hier Hoffmanns Erzählungen und dort auch Hoffmanns Erzählungen!

Nein, was immer es war – ein Kontrastprogramm war es nicht, was hier von ARD und ZDF und dort vom Deutschen Fernseh-Funk der DDR zum Fest geboten wurde. Es gab keinerlei Differenzen, die Ideologie war identisch, ein und dasselbe Programm verband die gesamte Nation. Einig, einig, einig standen wir da – überzogen vom gleichen Zuckerguß. Momos