1971: Wieviel Entspannung erlaubt die Machtpolitik der Giganten?

Von Marion Gräfin Dönhoff

Das Jahr 1970 hat uns sehr deutlich vor Augen geführt, was unser politisches Schicksal wohl noch für lange Zeit – vielleicht für diese ganze Dekade – sein wird: ein zermürbendes, scheinbar zufälliges Nebeneinander von Spannung und Entspannung.

Während sich in Zentraleuropa eine jahrzehntelange Verkrampfung zu lösen beginnt, weil das emotionale Dogma des Antikommunismus in der Bundesrepublik auf seine rationalen Ursachen reduziert wurde und die rituale Verdammung der Bundesrepublik durch ihre östlichen Nachbarn auf das herkömmliche Maß, hat sich bei den Verhandlungen in Berlin bisher keinerlei Fortschritt gezeigt. Während die beiden Supermächte abwechselnd in Wien und Helsinki über eine den Frieden sichernde Beschränkung der strategischen Waffen verhandeln, rivalisieren sie im Nahen Osten hart und verbissen um Einfluß. Spannung und Entspannung, Konfrontation und Kooperation existieren nebeneinander, koexistieren miteinander.

Dieser scheinbar unnormale Zustand entspricht den konkurrierenden Wünschen beider Seiten und wohl auch ihren Notwendigkeiten. In Ost wie in West hat man eingesehen, daß in dieser immer mehr zusammenwachsenden Welt, die durch Wissenschaft und Technik unaufhaltsam zu einer Einheit verwoben wird, keiner sich mehr von seiner Umwelt so abschließen kann, wie dies die Sowjetunion zu Stalins Zeiten noch zu tun vermochte. Wirtschaftliche Notwendigkeiten führen weg von der Isolierung, hin zur Kooperation, deren Voraussetzung Entspannung, Sicherheit und verläßliche Absprachen sind.

Gleichzeitig jedoch muß jede der beiden. Seiten, eingedenk der vorgegebenen Konkurrenzsituation, stets darauf bedacht sein, alle sich bietenden Vorteile auszunutzen, auch wenn dies zu Lasten des andern geschieht. Großmächte sind nun einmal dazu verdammt, ihre Position ständig zu verbessern – oder mindestens zu verhindern, daß ihr Rivale die seine verbessert. Dies aber setzt einen Zustand ständiger Alarmbereitschaft voraus, erzeugt daher Mißtrauen, macht Skepsis unabdingbar und bringt Spannung, Reibung und Konflikte mit sich.

Dieser ambivalente Zustand von Spannung und Entspannung, von Konfrontation und Kooperation, der durch die Rivalität der beiden Supermächte bedingt ist, wird noch verstärkt durch die Situation, in der sich jede für sich betrachtet befindet. Glaubten beide noch bis vor kurzem, jeder besitze das Geheimnis des alleinseligmachenden Systems, den Schlüssel zum Paradies – der Osten den zur klassenlosen Gesellschaft, der Westen den zur freiheitlichen Demokratie –, so haben inzwischen beide nach mancherlei Enttäuschungen ihren Illusionen Valet sagen müssen.