Von Dietrich Strothmann

Düsseldorf

Nachher traf man sich im "Goldenen Ring", einem der unzähligen lokale in der Düsseldorfer Altstadt. Zu Tisch gebeten hatte der Pressechef des Landgerichts. Gereicht wurden Jägerschnitzel mit Pilzen, gemischter Salat und Altbier. Man plauderte, man scherzte, man lachte, man diskutierte zwischen den Bissen: Untersuchungsrichter, Ankläger, Nebenkläger, Verteidiger, Journalisten. Auch Simon Wiesenthal war dabei, der "Nazijäger", auch die Berichterstatterin der Deutschen Nationalzeitung ("parteilos, unabhängig, freiheitlich"). Einer hielt eine kurze Dankesrede: Dank an das Gericht, die Anwälte, auch an den Verteidiger, für die Fairneß. Dank auch an die Mitglieder des Roten Kreuzes und der Gesellschaft für christlichjüdische Zusammenarbeit für die Betreuung der jüdischen Zeugen. Sie werden, so schloß der Redner, nun von einem anderen, einem neuen, einem besseren Deutschland berichten können – "Das wollte ich noch sagen". Dann Aufbruch der Tischrunde im "Goldenen Ring"; Abschiedsworte: "Frohes Fest", "schöne Weihnachten", "guten Rutsch".

Es war zwei Tage vor dem Heiligen Abend, am Tag, an dem das Schwurgericht im Saal L 111 in der Strafsache 8 I Ks l/6a entschieden hatte: Lebenslänglich für Franz Stangl. Es war kein Tag wie jeder andere. Oder war es doch nur ein gewöhnlicher, normaler Tag – nur etwas anders als andere, weil Weihnachten vor der Tür stand, Fest des Friedens, Freudenfest: ein paar Tage Verschnaufen, Ausruhen, Urlaub vom Alltag, Ausspannen nach arbeitsreichen Monaten? Ein Tag in Deutschland, der 22. Dezember 1970.

Nachher blühten Lupinen auf dem Boden. Zwischen den Feldern stand ein Bauernhof, betrieben bis zum Einmarsch der Sowjetarmee von einem Ukrainer. Das Land verriet nichts, die Erde war fruchtbar, der Hof schmuck. Der Boden, 600 X 400 Meter, war wie überall in dieser Gegend am Bug, rund 80 Kilometer nordöstlich von Warschau. Der Ort in der Nähe hieß Treblinka. Er heißt noch heute so. Es könnte ein Ort sein wie jeder andere in Polen. Doch seit dem 23. Juni 1942 ist er ein besonderer Ort. Damals traf der erste Transport mit Juden aus dem Warschauer Getto in Treblinka ein. Und seit dem August 1942 ist er ein Ort des Schreckens. In knapp einem Jahr wurden auf dem kleinen Gelände, 600 X 400 Meter, 580 000 Juden umgebracht. Damals hieß der Kommandant des Vernichtungslagers Treblinka Franz Stangl. Das war in Polen, von Ende August 1942 bis Anfang August 1943. Das geschah in deutschem Namen. Oder hatten die Deutschen nichts damit zu tun, damals nicht und heute nicht? Haben nur Hitler und Himmler schuld und auch noch dieser Franz Stangl?

Später blühten die Lupinen auf dem Acker von Treblinka, später noch wollten es die Deutschen nicht wahrhaben, nicht glauben. Und heute wollen sie es vergessen, zwei Tage vor Weihnachten und an jedem anderen Tag. In welchem Namen welchen Volkes also sprach der Richter im Prozeß gegen Franz Stangl sein "Lebenslänglich"? Wer kann noch richten, 28 Jahre danach? Wer mag noch Schuld empfinden, sich erschrecken nach so langer Zeit?

Der Prozeß im Schwurgerichtssaal L III des Düsseldorfer Landgerichts war kein Prozeß wie jeder andere: Geführt wurde er gegen den ersten und einzigen Kommandanten eines Vernichtungslagers, der jemals vor einem deutschen Gericht stand, verurteilt wurde wegen Mordes an der höchsten Zahl von Opfern, die jemals in einem deutschen Prozeß einem Angeklagten zur Last gelegt wurden. Es war, wie es so heißt, ein Monsterprozeß und ein Musterprozeß.