Rom, im Dezember

Es war sieben Uhr Ortszeit; die Stewardessen der Alitalia servierten das Frühstücks-Omelette. Die Kardinäle hatten ihre elektrische Rasur hinter sich und rieben sich übernächtigt die Augen. Der Papst, der nach ruhigem Schlaf in seiner Privatkabine sein Morgengebet verrichtet hatte, blickte nun aus zehntausend Metern Höhe hinab auf den Mekong. Trügerischfriedlich tauchten die Bergketten Vietnams aus den Dunstschleiern.

Der Bordfunker der DC 8 übermittelte mit Wünschen für die "brüderliche Eintracht zwischen allen Söhnen Vietnams" dem Präsidenten Van Thieu in Saigon "respektvolle Grüße" Pauls VI. Als er aber dann "Seiner Exzellenz Doktor Ton Duc-Thang", dem Nachfolger Ho Tschi-Minhs, neben Wünschen für einen dauerhaften und gerechten Frieden "hochachtungsvolle Empfindungen" des Papstes nach Hanoi telegraphieren sollte, vernahm er bedrohliches Murren bei der südvietnamesischen Bodenstation, die eine Weiterleitung verweigerte. Nur auf Umwegen erreichte die päpstliche Depesche schließlich den kommunistischen Norden.

So geriet der Papst schon zu Beginn der neunten und längsten Reise seines Pontifikats in die Verstrickung, die sich aus seiner Doppelfunktion als Kirchen- und Staatsoberhaupt, als religiösmoralisch engagierte Autorität und als politisch neutrale Obrigkeit fast unausweichlich ergibt. Eingezwängt in ein durch Protokoll, Prestige, Sicherheitsbedürfnis und Schaulust diktiertes Minuten-Programm, bewegte sich der Papst – nein, wurde er bewegt: von Ort zu Ort, von Land zu Land und mit schwer zu erklärender Eile, denn was hatte Paul VI. zu versäumen?

Doch war seine Reise auch nicht bloß "Flucht vor der Anfechtung seines Amtes in die Massen-Akklamation", wie manche Beobachter meinten. Nicht umsonst hat dieser 73jährige Nachfolger Petri den Namen des Völkerapostels Paulus angenommen. Wer ihn inmitten der asiatischen oder australischen Gläubigen, Andersgläubigen und Ungläubigen erlebte, zuletzt auf dem nächtlichen Flugplatz von Colombo, wo er, auf einem neonbeleuchteten Jeep stehend, durch die dunklen Massen zu schweben schien, dem konnte das zuweilen Ratlose, Erschrockene, aber auch das angespannt Ungeduldige auf dem stets um Freundlichkeit bemühten Gesicht nicht entgehen.

Furcht vor modernen Ketzereien

Immer wieder spürte man, wie die Last der Institution, die er zu verkörpern hat, den Menschen Giovanni Montini drückt, weil sie ihn hindert, im Sinne der konziliaren Erneuerung ganz der "Diener der Diener Gottes" zu sein oder gar als ein Paulus "allen alles". Immer wieder suchte er der Pose eines römischen Pontifex maximus zu entkommen, auch mit kleinen, fast hilflosen Gesten – wie etwa, als er im Armenviertel von Tondo und unter den Samoa-Insulanern vom majestätischen "Wir" zum normalen "Ich" überwechselte, die kuriale Sprache mit dem schlichten Umgangston eines Landpfarrers vertauschte: "Hier bin ich, mitten unter euch! Ich komme von weit her, aus Rom... Ich danke euch, daß ihr mir für einen Augenblick zuhört; ich komme zu euch als Freund und Bruder, ich bin Oberhaupt und Priester der katholischen Kirche."