ARD, Sonnabend, 26. Dezember: "Es muß nicht immer Schlager sein und ZDF, Sonntag, 27. Dezember: "Stars in der Manege’

Früher – also in der Zeit, als der Zebrastreifen und die Mainzelmännchen noch nicht erfunden waren – gab es zwei äußerst beliebte Einrichtungen: die Überleitungen am Flügel und die verbindenden Worte eines Conferenciers. Bei den Überleitungen perlte ein zu diesem Behufe angestellter Pianist zwischen zwei Musikstücken von einer Tonart in die andere: Das, was er spielte, wurde dem gerade dargebotenen Musikstück immer unähnlicher und dem drohenden immer ähnlicher. War die Ähnlichkeit kaum noch auszuhalten, dann brach er ab und hatte ein Musikstück lang Ruh’.

Der Conférencier tat ähnliches. Auch er plätscherte zwischen zwei Auftritten Überleitungen; seine Hauptaufgabe war es, dem Publikum dauernd einzureden, daß die nächste Dame, "bekannt von Leinwand und Bühne", nun wirklich das Reizendste und Charmanteste sei und daß sie es sich nicht habe nehmen lassen, hier und heute vor diesem entzückenden Publikum das bezaubernde Lied...

Diese Gattung der Nichtssager von meist rouéhaftem Aussehen (sie alle schienen irgendwie aus dem Land des Lächelns zu stammen) hat im Weihnachtsprogramm der Deutschen Fernsehanstalten gräßliche Urständ gefeiert.

Das Erste Programm hatte für eine Sendung unter dem Titel "Es muß nicht immer Schlager sein" Hans Söhnker engagiert, der uns in seine gute Stube bat, woselbst er über ein Glas Wein, eine Bibliothek und einen Wandkalender verfügte.

Der Wandkalender diente dazu, dem Publikum glaubhaft zu machen, daß der 26. Dezember sei. Die Handbibliothek: dazu, daß Söhnker einmal ein paar theoretische Sätze aus einer Musikgeschichte vorlas, um dann zu witzeln: "Nein, Oper kann man nicht lesen, die muß man hören." (Klein Ernas Mutter einst zum Lehrer: Sie soll’n ihr nicht riechen, sondern lernen!) Von dem Wein nippte Söhnker, sagte "Ah, gut!", nachdem er schon "Ah, gut" nach der letzten Arie geschnalzt hatte.

Daß nur die besten und teuersten Künstler eigens für uns aufgeboten würden, das zu sagen, war auch hier die Hauptaufgabe des Conferenciers Söhnker. Nur daß er, nachdem er den sozusagen selbstverständlichen, weltweiten und geläufigen Ruhm der Auftretenden erst annoncierte, dann von einem Zettel sicherheitshalber doch die Namen des berühmtesten ("äh, wie heißt er doch gleich!") ablas, das war ebenso ungewollt komisch wie jene Standardbemerkungen, daß die Oper vom Ernsten ins Komische reiche und es Opernfreunde und -gegner gebe.