Von Reiner Weiß

Nürnberg

Wenigstens einmal hat der Nürnberger Maler und Graphiker Albrecht Dürer (1471 bis 1528) ein Werk geschaffen, das den Vorstellungen von "Massenkultur" des Nürnberger Kulturreferenten Hermann Glaser entsprechen könnte: Der Feldhase, den er 1502 aquarellierte, hat sich einen Stammplatz über deutschen Sofas erobert. Aber das weltberühmte Schlappohr ist out. Im Auftrag der Stadtverwaltung drohte die Münchner Werbeagentur Dorland in aufwendigen Annoncen zum Dürer-Jahr 1971: "Für die meisten Menschen ist Dürer der Hase – aber nicht mehr lange." Der harmlose Mümmelmann ist zum Buhmann eines beispiellosen Jubelmarathons geworden, das mit hemdsärmeligen PR-Aktivitäten, verschrobenem Kulturjargon, teuren Repräsentationsveranstaltungen und Touristenrummel Nürnbergs "Image" als Stadt der Reichsparteitage tilgen und das Bild einer fortschrittlichen Großstadt festigen soll.

Mit einem von Bund und Bayernland subventionierten Sonderetat von rund sechs Millionen Mark will die Stadt 1971 Dürer-Touristen aus aller Welt in ihre Mauern locken. Der Meister der Apokalypse – "Deutschlands erster Hippie", wie ihn die erfahrenen Dorland-Werber sehen – soll beispielsweise mit Wanderkollektionen, Dürer-Preisrätseln und TV-Befragungen als Sightseeing-Attraktion flottgemacht werden. Zum "Fest der fünf Sinne" (Dürer-Prospekte) werden neben Bratwürsten und Lebkuchen auch rhetorische Dürer-Etüden für ein Honorar von 30 000 Mark geboten: von Günter Grass, dem Politologen Waldemar Bessern und dem Literaten Richard Friedenthal. 1 750 000 Mark wird eine Multi-Media-Show des Prager Szenaristen Josef Svoboda auf der Kaiserburg kosten: Im Zeitraffer wird die Stadtgeschichte mit zehn Projektionsmaschinen auf neun fahrbare Filmleinwände geworfen. Die zweite Nürnberger "Biennale" soll für 370 000 Mark "Theorie und Werk" von Künstlern wie Dürer, Leonardo, Max Ernst, Roy Lichtenstein und Andy Warhol dokumentieren. Bescheiden mutet hingegen die Ausbeute der großen Dürer-Ausstellung im Germanischen Nationalmuseum an, die nach konventionellen Maßstäben das Herzstück der Dauerfeier sein müßte: Nur 32 von insgesamt 70 erhaltenen Ölarbeiten des Meisters konnten gewonnen werden. Fränkische Ressentiments wurden geweckt, als die bayerischen Staatsgemäldesammlungen in München aus konservatorischen Gründen die Herausgabe der vier Apostel verweigerte, die Dürer einst seiner Vaterstadt als Vermächtnis hinterlassen hatte; die Mittelfranken erinnerten sich dadurch deutlich an eine Tatsache, die es im Dürer-Jahr zu verdrängen gilt: Nürnberg wurde im Jahre 1806 zur bayerischen Provinzstadt erklärt.

Für das Programm im Dürer-Jahr scheuen die Nürnberger keine Kosten: Im Städtischen Opernhaus wird August Everding (Bühne: Josef Svoboda) für rund 250 000 Mark Wagners "Meistersinger" inszenieren. 30 000 Mark Gage erhält Regisseur Karl Paryla für die Einrichtung von Shakespeares "Sturm", Jorge Lavelli wird mit 20 000 Mark für die Inszenierung von Fernando Arrabals "Der Architekt und der Kaiser von Assyrien" entlohnt. Im Nürnberger Schauspiel gibt es im Dürer-Jahr noch Kotzebues "Deutsche Kleinstädter", Brechts "Galilei", Goethes "Ur-Goetz" und Rainer Werner Faßbinders "Blut am Hals der Katze" zu sehen. Sonderetat: 173 000 Mark. Auf dem Konzertprogramm stehen unter anderem zehn Uraufführungen, darunter Werke von Ligeti, Zimmermann, Aribert Reimann und dem Koreaner Isang Yun. Kosten des Musikprogramms: 517 620 Mark.

Rechtzeitig und mit flinken Worten distanzierte sich Kulturreferent Glaser von Gefahren, denen nicht zuletzt er selbst Dürer und seine Stadt mit einem allumfassenden Ausspruch aussetzt: "Wie bei vielen deutschen Künstlern und Dichtern wurde sein Werk mit einem ideologischen Schutt überlagert, den wegzuräumen zur Aufgabe eines Festjahres gehört – wenn man Feier nicht als Ritual versteht, als standardisierten Handlungsablauf, der die Teilnehmer zu einer unkritischen Gemeinschaft zusammenzuschweißen sucht. Der 500. Geburtstag 1971 sollte ohne entleertes Pathos und ohne leeren Enthusiasmus begangen werden."

Schwierigkeiten gab es vor allem bei der Kürung des Kandidaten für den mit 20 000 Mark dotierten Dürer-Preis der Stadt Nürnberg. Nachdem sich das Preisgremium den zunächst favorisierten Pablo Picasso hatte ausreden lassen, standen vor allem die beiden Maler Max Ernst und Richard Lindner zur Debatte. Schließlich fiel die Wahl dann auf den Holzschneider HAP Grieshaber. Sein Werk, so meinte man, habe "in ähnlicher Weise universellen Charakter wie das Lebenswerk Albrecht Dürers". Bedauerlicher als diese von der Öffentlichkeit als Fehlgriff charakterisierte Wahl schien die Diskussion im Preisgremium um den heute in New York lebenden jüdischen Emigranten Richard Lindner, der seine Jugend in Nürnberg verbracht hat und der – auch ohne lokalpatriotische Aspekte oder dem Hintergedanken einer Wiedergutmachung – durch seine international renommierten Arbeiten qualifiziert erschien. Der Schriftsteller Hermann Kesten, Mitglied des Preisgerichtes, schrieb aus Rom an einen Nürnberger Bekannten: "Unsere Kontroversen waren seltsam. Arno Schönberger (Direktor des Germanischen Nationalmuseums) betonte, als es um Lindner oder Grieshaber ging, Grieshaber sei so deutsch, als sei Lindner ein Chinese, und Grieshaber sei so romantisch und deutsch wie Dürer, als sei Dürer ein Mitglied der zweiten romantischen Schule vom Anfang des 19. Jahrhunderts gewesen. Carlo Schmid kämpfte wie ein Löwe für seinen Freund Grieshaber. Schließlich kam er am Nachmittag damit heraus, er habe am Vormittag aus Schonung für Lindner verschwiegen, daß Lindner ein Mitarbeiter von Harper’s Bazar war; er sagte es, als sei damit Lindner erledigt und gerichtet."