Von Kurt Wendt

Wie lange dauert die gegenwärtige Aktienbaisse noch an, und wo wird diesmal ihr tiefster Punkt liegen? Die Antworten auf diese Fragen stimmen wenig hoffnungsfroh. An eine durchgreifende Kursbesserung glauben vorläufig keine Bank oder Sparkasse. Überall ist man auf Moll gestimmt. "Wir wissen, was in den Unternehmen los ist. Immer mehr Betriebe geraten in die roten Zahlen. Gewinne werden überall klein geschrieben", heißt es meist.

Für Deutschlands Aktionäre war der Boom schon Mitte 1969 zu Ende, als die Notwendigkeit einer Aufwertung der Mark unausweichlich geworden war und als im Spätsommer mit Hilfe wilder Streiks mühelos Lohnerhöhungen – ohne Rücksicht auf geltende Tarifverträge – erzwungen werden konnten. Aber nur wenige Aktienbesitzer verstanden damals die Ereignisse richtig zu werten. Banken, die im Spätsommer 1969 ihrer Kundschaft rieten, Aktien zu verkaufen und den Erlös in "Festgeld" anzulegen, also in Einlagen bei den Kreditinstituten mit vereinbarter Kündigungsfrist, wurden verdächtigt, über solche Empfehlungen ihre eigene, damals schon durch die Bundesbank beschnittene Liquidität aufbessern zu wollen.

Heute wissen wir: Diese Ratschläge waren goldrichtig. Auch international gesehen. Sieht man einmal von der Wiener Börse ab, die als internationale Anlageinstitution keine Rolle spielt, so sind die Aktienkurse seither weltweit gefallen. An der Wallstreet war erst in den letzten Monaten wieder etwas zu verdienen.

Die Rothschild Bank AG, Zürich, ließ Ende August 1970 durch ihren Direktor Ferdinand Lips erklären: "Wir verkauften am 3. Juni 1969 sozusagen alle deutschen, amerikanischen und schweizerischen Aktien und legten den Gegenwert in Festgeld an. Damit standen wir so ziemlich allein auf weiter Flur. Anlageberater, Bankdirektoren, Broker und Fachzeitschriften empfahlen damals ihren Kunden beziehungsweise Lesern, Aktien oder Wandelobligationen zu kaufen oder hinzuzukaufen. Die Spekulation war bei diesen Leuten zu tief eingefressen. Die Grundeinstellung war und ist, das Risiko an der Aktienbörse bestehe nur scheinbar und Rückbildungen können nur temporärer Natur sein, da die allgemeine Tendenz der Aktienkurse nur aufwärts gehen könne."

Wer an deutschen Börsen 1960 oder 1961 – auf dem Höhepunkt der ersten großen Nachkriegshausse – deutsche Aktien erworben hat, wartet zum Teil noch heute, rund ein Jahrzehnt später, auf seine damaligen Einstandskurse. Analysten und Investmentverkäufer, deren theoretisches Denken darauf aufbaut, daß Aktienkurse "langfristig" nur steigen können, geben sich durch die Börsenentwicklung in der Bundesrepublik aber keineswegs geschlagen: "Zehn Jahre sind in dieser Hinsicht noch nicht langfristig. Wir denken; in Zeiträumen von zwanzig und dreißig Jahren." Aber was bedeutet das? Wer auf dem Höhepunkt einer Aktienhausse die unglückliche Entscheidung fällt, Aktien zu kaufen, leidet darunter sein Leben lang. Denn eine Chance, seine teuer erworbenen Papiere eines Tages wieder mit Gewinn verkaufen zu können, hat er möglicherweise nie.

Dem richtigen Zeitpunkt beim Aktienkauf kommt daher die entscheidende Bedeutung zu. Das ist auch der Grund für die gegenwärtig zu beobachtende Zurückhaltung gegenüber dem Aktienerwerb. Nur Sondersituationen, wie in den letzten Wochen bei Bayer und BASF, als deren Kurse im Zusammenhang als Folge ihrer Kapitalerhöhungen überdurchschnittlich gedrückt waren, vermögen Aktiensparer zur Zeit aus ihrer Reserve herauszulocken.