Von Wolfgang Werth

In seiner Napoleon-Monographie (die deutsch in der Reihe der rororo-Bildmonographien vorliegt) bezeichnet André Maurois das Leben des Korsen als "eine der glänzendsten Legenden der Geschichte". Immer wieder fordert er den Leser auf, mit ihm darüber zu staunen, wie wunlersam und gegen alle Voraussehbarkeit sich Napoleons Karriere vollzog; in Konjunktivsätzen und mit rhetorischen Fragen deutet er an, wie oft es in diesem Leben ganz anders hätte kommen, was alles den Aufstieg Napoleons zum Protagolisten der weltgeschichtlichen Szene hätte verhindern können. Aber er tut das nicht, um der Legende ihren Glanz zu nehmen. Maurois bewundert Napoleon.

Man darf annehmen, daß Maurois’ Monographie Material und Anregung für die erste Prosaarbeit des fünfunddreißigjährigen

Dieter Kühn: "N"; Suhrkamp Verlag, Frankfurt; 109 S., 10, – DM

geliefert hat. Für die Vermutung spricht nicht nur die Tatsache, daß in "N" zahlreiche der illustrativen Details und Schnörkelanekdötchen wiederkehren, mit denen Maurois seine Monographie ausgeschmückt hat.

Kühn spielt aus, worauf Maurois anspielt: die denkbaren Alternativen zu Napoleons tatsächlichem Werdegang. Er hebt auf dem Papier den Unterschied zwischen Konjunktiv und Indikativ auf und zeigt außer und neben dem, was wirklich geschah, das, was statt dessen hätte geschehen können, und zwar so, als sei es geschehen. Dabei wird die Intention der mutmaßlichen Vorlage "dialektisch" umgekehrt: Wo Maurois Napoleons Kunst, die Umstände zu nutzen, bewundert, da sieht Kühn nur die Gunst dieser Umstände für N wirksam werden. Der korsische Halbgott schrumpft unter solchem Aspekt zur austauschbaren Beispielfigur, an der gezeigt werden soll, wie zufällig die Personalentscheidungen der Geschichte sind und daß es ein Kurzschluß ist, wenn man die Eigengröße eines Mächtigen nach dem Ausmaß der Macht bestimmt, die er erringen oder gewinnen konnte.

Kühns Methode, authentisches Geschehen nachzuschreiben und zugleich in Frage zu stellen, könnte, überzeugend angewandt, den literarischen Dokumentarismus aus der Sackgasse führen, in die er sich, allzu akten- und faktengläubig, verrannt hat. Leider aber bleibt das spielerische Experiment – es beginnt mit der Brautwahl des Charles Marie Bonaparte und endet mit dem Staatsstreich vom 18. Brumaire 1799, der seinen Sohn an die Macht brachte – weit hinter seinen Möglichkeiten zurück. Daß sich der geübte Feature-Autor Dieter Kühn darauf versteht, sein Sujet elegant zu servieren, soll nicht bestritten werden – doch, die effektvolle Präsentation vermag allenfalls bei flüchtiger Lektüre über das geringe Gewicht des Dargebotenen hinwegtäuschen. "N" ist kaum mehr als eine Folge von Variationen über einen einzigen Einfall. Schon nach wenigen Sätzen weiß man ziemlich genau, was noch folgen wird und worauf man nicht mehr hoffen darf.