Von Theodor Eschenburg

Vor hundert Jahren – am 1. Januar 1871 – begann das Deutsche Reich zu existieren. An diesem Tag trat die Verfassung in Kraft. Aber noch war sie unvollständig: Es fehlten die Verträge mit den süddeutschen Bundesländern.

Der Prozeß der Verfassungsbildung war zweigleisig. Da waren die monarchisch-föderalistischen Kräfte einerseits und die parlamentarischen andererseits, die vertragschließenden Fürsten und die verfassungbeschließende Volksvertretung. Grundlage der Verfassung des Norddeutschen Bundes, die der Norddeutsche Reichstag ein Jahr nach dem preußisch-österreichischen Krieg von 1866 verabschiedet hatte, waren die Verträge Preußens mit den nord- und mitteldeutschen Staaten. Diese Verfassung war nach der Bismarckschen Konzeption auf die spätere Aufnahme der süddeutschen Staaten Bayern, Württemberg, Hessen und Baden angelegt. Damals waren sie selbständig geblieben, hatten jedoch mit Preußen Militärbündnisse abgeschlossen.

Den im Juli 1870 einsetzenden Krieg gegen Frankreich empfand auch die Mehrheit der Bevölkerung in den Südstaaten als Nationalkrieg. So war deren Teilnahme am Krieg eine Vorentscheidung für die staatliche Einigung. Allerdings zögerten die süddeutschen Monarchen und ihre Regierungen, einige widerstrebten sogar. Aber von unten wuchs der Druck einer leidenschaftlich erregten Nationalbewegung. Ein gewaltiger Stimmungsaufschwung folgte dem Sieg bei Sedan vom 2. September, der Gefangennahme Napoleons und dem Zusammenbruch des französischen Kaiserreichs. Damals hätte Bismarck den Frieden sogleich haben können – doch nur ohne Annexionen.

Den Erwerb Elsaß-Lothringens verlangten jedoch aus strategischen Gründen insgeheim die Militärs, lautstark als Siegespreis die Nationalbewegung. Bismarck griff ihre Forderung inerster Linie aus taktischen Erwägungen auf. Später hat er dies bereut. Zunächst verlängerte es den Krieg. Der Siegesmarsch des Sommers schlug in einen harten Winterfeldzug um.

Bismarck wollte die süddeutschen Staaten für die Einigung gewinnen, nicht sie dazu zwingen. Aber er nutzte den Stimmungsumschwung von Sedan, um den Prozeß zu beschleunigen. Sein Plantermin für die Reichsgründung war der 1. Januar 1871. Auf drei Ebenen verhandelte Bismarck über die staatliche Einheit: mit den süddeutschen Regierungsvertretern, mit dem Norddeutschen Reichstag und den Parteien sowie mit den fremden Staaten. Wie immer man die Reichsgründung beurteilen mag, die Technik Bismarcks war schon genial.

Am 15. November wurden in Versailles, wo während der Belagerung von Paris das Hauptquartier lag, die Verträge mit Baden und Hessen abgeschlossen. Viel heikler waren die Verhandlungen mit Württemberg und Bayern. Beide Länder verlangten Sonderrechte, vor allem Bayern. Die Verhandlungen waren kompliziert, weil die monarchisch-föderalistischen Interessen mit den landesparlamentarischen in Einklang gebracht werden mußten. Aber in diesem Widerstreit lag auch die Chance, die Kräfte gegenseitig auszuspielen. Am 23. November wurde Vertrag mit Bayern, am 25. der mit Württemberg unterzeichnet. Am 9. Dezember hat der Norddeutsche Reichstag, in dem noch keine süddeutschen Abgeordneten saßen, die Verträge mit Baden, Hessen und Württemberg und die Verfassung, die weitgehend der des Norddeutschen Bundes entsprach, fast einstimmig angenommen. Fraglich war die Mehrheit für den Vertrag mit Bayern. Aber sie fand sich vor allem dank der Parteidisziplin der Nationalliberalen. Damit war das Verfassungswerk, das aus den noch unvollständigen Texten der Verfassung und den vier Landesverträgen bestand, angenommen. Am selben Tage schrieb der nationalliberale Abgeordnete Lasker an den württembergischen Parteifreund Otto Elben: "Es gibt endlich einen deutschen Staat... Die Geschichte kennt keine deutsche Frage mehr." So war der 9. Dezember 1870 der eigentliche Reichsgründungstag.