Wir appellieren an Sie wegen der Schaubühne am Halleschen Ufer. Wir glauben, damit nicht nur im Interesse dieses einen Theaters, sondern im Sinne des deutschen Theaters zu handeln.

Unser Beruf, der des Theaterkritikers, besteht nicht allein darin, einzelne abgeschlossene Leistungen des deutschen Theaters nach Premieren abhandelnd zu beurteilen. Wir müssen vielmehr versuchen, seine gegenwärtige Entwicklung zu beobachten und über seine zukünftige Chance nachzudenken. Um dieser Entwicklungen und Chancen willen erscheint uns heute die Arbeit der Schaubühne unentbehrlich.

Unser Theater ist in den letzten Jahren in die Gefahr einer Stagnation geraten. Deshalb schlugen nicht nur die Rebellen, sondern auch die verantwortlichen Leiter von Stadt- und Staatstheatern vor, eine Bühne zu schaffen, auf der die Wünsche und Pläne für eine Reform ausprobiert werden können. Ihnen allen – wie auch uns – war es klar, daß vorerst nur eine künstlerisch und weltanschaulich geschlossene Gruppe von jungen Theaterleuten dazu im Stande ist, ein solches Experiment zu beginnen. Der Berliner Senat erklärte sich bereit, den Versuch zu ermöglichen und zu fördern. Das hat ihm, im In- und Ausland, höchste Anerkennung von Künstlern und Beobachtern des Theaters eingebracht. Wieder einmal schien die Stadt Berlin kraft Toleranz und Phantasie beispielhaft ihre kulturelle Rolle zu erfüllen. Um so unverständlicher wirkt es, daß nun die Arbeit der Schaubühne am Halleschen Ufer vom Parlament und von den Behörden der gleichen Stadt behindert werden soll.

Diejenigen, die eine Streichung und Sperrung der Subventionen verlangt haben, wollen dem Ensemble gerade aus den unabdingbaren Voraussetzungen seiner Arbeit einen Strick drehen. Ohne die entschiedene weltanschauliche Profilierung (die immer schon bekannt war) hätte sich das Ensemble gar nicht erst zusammengefunden. Die ständige gemeinsame Diskussion über jedes ästhetische und politische Problem der Theaterarbeit, die seine innere Konstitution ausmacht, macht es auch leicht, es zu bespitzeln.

Wir, die wir diesen Brief unterschreiben, haben höchst unterschiedliche politische Ansichten. Aber wir alle meinen, daß es nicht angeht, aus individuellen Äußerungen in der inneren Diskussion eines Theaters Beweisstücke dafür zu fabrizieren, daß die Tätigkeit dieses Theaters verfassungsfeindlich sei. Wenn einzelne Bürger gegen die Verfassung tätig werden, soll die Staatsanwaltschaft ein Verfahren gegen sie anleiten. Eine Kulturbehörde bringt sich um den Sinn ihrer Arbeit, wenn sie der Forderung nachgibt, bloß vermutete individuelle Verstöße an Institutionen zu ahnden, die in ihrer Obhut stehen.

Wir meinen auch, daß nicht erst die Streichung, sondern auch schon die Sperrung von Subventionen für jegliches Theater einer Strafe gleichkommt. Die Qualität des Theaterspiels hängt heute von langfristiger Planung ab, sie ist nirgends möglich ohne gesicherte finanzielle Disposition. Gerade die Schaubühne am Halleschen Ufer hat aber, wie kein anderes Theater der Bundesrepublik und Westberlins, die zeitige und gründliche Vorbereitung jeder Produktion zur Grundlage ihrer Arbeit gemacht. Sparmaßnahmen treffen sie besonders hart. Auch hier wird eine Besonderheit, die die Existenz der Schaubühne rechtfertigt, als Waffe gegen sie gebraucht.

Der Bestand der Schaubühne ist vielen Gefahren ausgesetzt. Ihr Versuch könnte scheitern an den Wagnissen ihrer demokratisch-plebiszitären Verfassung, ihrer politischen Exponiertheit, ihrer Weigerung, sich routinemäßig durch Abonnement und viele Premieren abzusichern und auf lange und gewissenhafte Proben zu verzichten – würde sie aber jetzt, am erfolgreichen Beginn ihrer Arbeit scheitern, an den Verdächtigungen und Bespitzelungen, an unzureichend begründetem Entzug ihrer finanziellen Grundlage, dann hinterließe sie dem gesamten Theater in unserem Land ein lähmendes Trauma für die nächsten Jahrzehnte. Deshalb appellieren wir an Sie, Herr Regierender Bürgermeister, darauf hinzuwirken, daß die vom Senat verfügte Sperrung der Subventionen aufgehoben wird und die von den Abgeordneten beschlossene Untersuchung nicht in unwürdige Schnüffelei entartet. Der Schaden wiegt jetzt schon schwer: weniger für die Schaubühne als für Berlin und für das deutsche Theater.

Georg Hensel, Peter Iden, Joachim Kaiser, Hellmuth Karasek, Friedrich Luft, Siegfried Melchinger, Rolf Michaelis, Ivan Nagel, Jost Nolte, Henning Rischbieter, Hans Schwab-Felisch, Klaus Wagner, Volker Klotz, Karena Niehoff, Heinz Ritter.