Über Happy-Ends läßt sich streiten.. Es kommt auf die Perspektive an. Vom Standpunkt des Geßler oder vom Standpunkt Habsburgs aus endet der "Tell" gar nicht so happy. Auch der Dorfrichter Adam würde sich nicht schlecht wundern, wenn er hörte, daß wir mit Kleist seinen Fall als Komödie bezeichnen. Daß aus den wegen ihrer frühen Sterblichkeit unsterblichen Liebespaaren (Pyramus & Thisbe, Hero & Leander, Roger & Hammerstein) bei längerem Leben immer eine merkwürdigerweise als Komödie bezeichnete Tragödie namens Sokrates & Xantippe herausgesprungen wäre, ist nicht ganz von der Hand zu weisen.

Die Vorstellung eines in Ehren ergrauten Bajazzo, der, über die Künstlerwohlfahrt versorgt, sein baritonales Altenteil absitzt, eines Lohengrin, der seiner Elsa, weil er weiß, daß Frauen nun einmal gern wissen, mit wem sie verheiratet sind, ohne weiteres seinen Namen nennt, worauf der Schwan in die öffentlichen Anlagen zwecks Fütterung durch die Kinder entlassen werden kann – das alles hat uns bewogen, unser diesjähriges Silvester-Rätsel dazu zu verwenden, die berühmten Tragödien (in Ballade, Oper, Schauspiel, Roman, Legende und Sage) notfalls mit Gewalt glücklich enden zu lassen.

Dabei machten wir zwei merkwürdige Erfahrungen. Einmal: wie sehr sich tragische Schlüsse der normalen Alltags-Logik und -Nüchternheit entziehen. Denken wir nur an das traurig-glücklichste Liebespaar, an Romeo und Julia. Konnten sie wirklich nicht zueinander kommen? Liest man die entsprechenden Stellen noch einmal nach, dann fällt auf, daß Julias Vater ihr für den Fall der Nichtheirat mit Paris womit droht? Mit der Ausweisung aus dem Hause. Sie hätte also schnurstracks zu Romeo eilen können, der es ja offensichtlich nicht auf die Mitgift abgesehen hatte ... Kluge Regisseure haben daher immer die unüberlegte, jugendliche Überhitzung, die unausgesprochene Todessehnsucht des Paares aus dem Stück herausinszeniert.

Tragödien also wollen nicht mit normalem Alltagsmaß gemessen werden, Banalität (für uns im-Unterschied zur Kunst eine eher wohltätige Lebensform) macht sie schal, unwirklich, verrückt. Anders ausgedrückt: Wer nicht glaubt, daß manche in besonders gesteigerten Augenblicken in schluchzende Arien ausbrechen müssen, sollte nicht in die Oper gehen.

Die zweite Erfahrung: Bei dem Versuch, Tragödien "happy" enden zu lassen, kann man feststellen, daß es vermeidbare und unvermeidliche Tragödien gibt. Die vermeidbaren entstehen durch den Scheinzusammenprall mit Konventionen (das ist manchmal bei Ibsen, oft bei Hebbel der Fall), die schon damals nicht unumgänglich waren. Manchmal auch könnten spätere Zeitläufte Rettung bringen: durch ein gutes Präparat gegen die Schwindsucht, durch ein rechtzeitig appliziertes Verhütungsmittel, durch einen ein wenig korrigierten Ehrbegriff.

Unvermeidbare Tragödien entstehen aus einer Antithetik, die sich nicht durch ein bißchen Drehen an den Konventionen in Wohlgefallen auflösen läßt. Daß der "Ehrbegriff" im spanischen und französischen Barockdrama keineswegs eine leere Konvention, sondern eine erlebte Wahrheit ist, schützt es – anders als manche Hebbel-"Opern" – vor der Rettung ins Happy-End.

Ödipus, der vergnügt und in Freuden mit seiner Mutter zusammenlebt, ist auch heute, wo wir weder an Orakel noch an die Wirksamkeit von Flüchen glauben, nicht gut denkbar: jedenfalls nur als makaber travestierendes Happy-End.