Ein Gespräch mit dem Bundeskanzler

Von Werner Höfer

Während er, auf jede Frage gefaßt, geduldig zuhört, greift er einmal zum Zigarillo, einmal zur Filterzigarette. Der "Zugzwang" erlaubt es dem Bundeskanzler, Denkpausen einzulegen, so daß seine Antworten, wie freimütig sie auch gegeben werden, nie leichtfertig wirken.

"Es gibt menschenfreundliche Zeitgenossen, die sich über Ihre Gesundheit Gedanken, sogar Sorgen machen. Haben sie Grund dazu ?"

"Nein! So freundlich solche Überlegungen sind: Ich bin gesundheitlich besser dran als vor einigen Jahren. Leider gibt es Zeiten, in denen man nicht genug Schlaf bekommt. Ich kann zwar immer und überall gut schlafen. Aber manchmal könnte ich eine Mütze Schlaf mehr vertragen."

"Und das Arbeitsjahr? Brachte es neben unübersehbaren Erfolgen auch übersehene Nicht-Erfolge?"

"Nun, sowohl in der Außen- wie in der Innenpolitik gibt es Gebiete, auf denen es nicht so gutgegangen ist, wie es hätte gehen können. Nehmen wir einmal die Europapolitik. Da sind wir nach der Haager Konferenz vom Dezember 1969, die die erste außenpolitische Initiative dieser Regierung brachte, ganz schön in Fahrt gekommen. Hätten wir Anfang Dezember über Europa gesprochen, hätte ich diese Vorausbilanz aufgemacht: drei Pluspunkte, ein Minuspunkt. Denn die Verhandlungen mit England sind angelaufen, wie es beschlossen war. Die politische Zusammenarbeit ist im Spätherbst in Gang gekommen, und der Start der Wirtschafts- und Währungsunion hätte zu Beginn des neuen Jahres vollzogen werden sollen. Bedauernd hätte ich – wohlgemerkt: vor mehr als einer Woche – hinzufügen müssen, daß man sich bei Euratom festgefahren habe."