DIE ZEIT

Wie geht es weiter in Polen?

Den Polen ist am Jahresende nicht zum Jubeln zumute. In Warschau sind die traditionellen Silvesterbälle überall abgesagt worden.

Das zermürbende Nebeneinander

Das Jahr 1970 hat uns sehr deutlich vor Augen geführt, was unser politisches Schicksal wohl noch für lange Zeit – vielleicht für diese ganze Dekade – sein wird: ein zermürbendes, scheinbar zufälliges Nebeneinander von Spannung und Entspannung.

Terror-Urteile

Nichts decouvriert eine Diktatur mehr als ihre Rechtsprechung. Weil das so ist, wurde in den letzten Tagen der Ausgang zweier Prozesse mit Spannung erwartet.

Worte des Jahres

„Die Bundesregierung ziert sich mit der völkerrechtlichen Anerkennung der DDR wie eine Jungfrau, die schreit, weil ihr die Unschuld geraubt werden soll, und die sich gleichzeitig danach erkundigt, welchen Preis sie dafür verlangen kann.

Der Papst im Jet-Zeitalter

Es war sieben Uhr Ortszeit; die Stewardessen der Alitalia servierten das Frühstücks-Omelette. Die Kardinäle hatten ihre elektrische Rasur hinter sich und rieben sich übernächtigt die Augen.

Nur zwei Millionen GI’s

Gleichlaufend mit dem Abzug amerikanischer Truppen aus Vietnam vollzieht sich eine allgemeine Verminderung der konventionellen Streitkräfte Amerikas.

Feiern wir am falschen Tag?

Vor hundert Jahren – am 1. Januar 1871 – begann das Deutsche Reich zu existieren. An diesem Tag trat die Verfassung in Kraft.

Wolfgang Ebert:: Trostloses Fest

Ich sah ihn mir mal näher an. „Sie kennne ich!“ Er zupfte an seiner Perücke. „Ausgeschlossen!“ „Doch, doch. Sie haben mir schon 1970 angedreht.

Kaskaden der Gewalt

Die Ereignisse um Weihnachten – die Angst um. Beihl und Bucher, die Urteile gegen baskische Nationalisten und russisch-jüdische Flugzeugentführer, die Freilassung des Gewaltpropheten Régis Debray, die Kämpfe mit palästinensischen Partisanen – sie haben noch einmal beschworen, was in den vergangenen Monaten die Konsumenten von Fernsehen und Presse in Atem gehalten hat: Luftpiraterie, Diplomatenentführungen, Banküberfälle, Gefangenenbefreiungen, Folterungen, Erpressungen, Straßenschlachten, Guerillas, Mord und Totschlag.

Deutschlands erster Hippie

Wenigstens einmal hat der Nürnberger Maler und Graphiker Albrecht Dürer (1471 bis 1528) ein Werk geschaffen, das den Vorstellungen von „Massenkultur“ des Nürnberger Kulturreferenten Hermann Glaser entsprechen könnte: Der Feldhase, den er 1502 aquarellierte, hat sich einen Stammplatz über deutschen Sofas erobert.

Nachlese zum Jahresschluß

Alexander Uschakow: „Das Erbe Stalins in den deutsch-polnischen Beziehungen“ (Stalin’s Legacy in German-Polish Relations); Verlag Wissenschaft und Politik, Köln 1970, 48 S.

Pakistan, Peru, Türkei: Jahr der Katastrophen

1970 war ein Jahr großer Katastrophen und Unglücke. Über 310 000 Mensen verloren ihr Leben bei Überschwemmungen, Erdbeben, Flugzeugabstürzen, Bränden, Schiffsuntergängen, Wirbelstürmen und Lawinenunglücken – nicht gerechnet die bis heute unbekannte Zahl der Hungertoten in Biafra nach dem Ende des Bürgerkriegs.

uerilla-Gewalt: Jahr der Entführungen

Das treffendste Attribut des Jahres 1970 heißt: „Jahr der Entführungen und des Terrors.“ Achtzehn Menschen, zumeist Diplomaten fremder Staaten, wurden von politischen Minderheiten oder Oppositionsgruppen entführt.

Namen des Jahres

Jean-Jacques Servan-Schreiber, Generalsekretär der Radikasozialistischen Partei Frankreichs, gewann überraschend bei einer Nachwahl in Nancy und unterlag in Bordeaux gegen Ministerpräsident Chaban-Delmas.

Ostpolitik: Jahr der Öffnung

Die Außenpolitik der Bundesrepublik stand, wie Bundeskanzler Brandt schon in seiner Regierungserklärung angekündigt hatte, 1970 unter dem Zeichen der Verhandlungen und Verträge mit den östlichen Staaten und Nachbarn.

Innenpolitik: Jahr der Verhärtung

Die innenpolitische Auseinandersetzung in Bonn war weitgehend bestimmt von den zunehmend schärferen Gegensätzen in der Ostpolitik, der Finanz- und Wirtschaftspolitik sowie der „inneren Reformen“.

Unser Silvester-Rätsel:: Happy-End

Über Happy-Ends läßt sich streiten.. Es kommt auf die Perspektive an. Vom Standpunkt des Geßler oder vom Standpunkt Habsburgs aus endet der „Tell“ gar nicht so happy.

UNHAPPY END

Literarisch-musikalisches Silvester-Rätsel, erdacht und zusammengestellt von der Feuilleton-Redaktion, mit Zeichnungen von Paul Flora

ZEITMOSAIK

In Stellungnahmen an den Berliner Senat haben 61 Mitglieder des technischen und künstlerischen Personals des Württembergischen Staatsschauspiels und 77 Mitglieder des Bremer Theaters ihre Solidarität mit den Mitgliedern der Berliner Schaubühne erklärt und den SPD-Senat aufgefordert, die Maßnahmen der momentanen Sperrung eines großen Teils der Etatmittel rückgängig zu machen.

DIE NEUE SCHALLPLATTE

Kagels Beitrag zum Beethoven-Jahr: acht Musiker spielen Fragmente originaler Beethoven-Musik, nacheinander, nebeneinander. Eine ironische Collage – besser geeignet, uns über unseren Beethoven-Konsum nachdenken zu lassen, als noch so viele tiefschürfende musikwissenschaftliche oder soziologische Analysen.

Nur ein Tagebuch?

Nichts ist für eine menschliche Hervorbringung verräterischer, als wenn darin zu viele und zu schöne „schöne Stellen“ vorkommen, die nicht zu einem Kunstwerk zusammenschießen.

Waffe im Klassenkampf

Der herrschende Kalender ist der Kalender der Herrschenden. Viele rezipieren, wenige konzipieren ihn. Indem er vorgibt, die Ordnung der Monate, Wochen und Tage wiederzugeben, erzeugt und perpetuiert er sie.

Notizbuch einer Reise

Indien ist kein Staat, sondern ein Kontinent. Tradition und religiöse Bindungen sind in Indien noch heute so stark, daß die Bewohner des Landes dem Zug zur Standardisierung erfolgreicher Widerstand leisten als die meisten anderen Völker.

Kunstkalender

29. 4.-27. 6................................................................................................................

ZU EMPFEHLEN

„Schweden zum Beispiel“ – Eine Politanthologie, herausgegeben von Horst Schröder; März Verlag, Frankfurt; 400 S., Abb., 18,– DM.

Unser Seller-Teller Dezember 1970

DDR: Fallada, „Wolf unter Wölfen“; Neutsch, „Die anderen und ich“; „Kulturpolitisches Wörterbuch“; Geissler, „DNS – Schlüssel des Lebens“; Füller, „Zellen“ (laut Literaturbeilage des Neuen Deutschland 12/70).

Noch lebendige Schriftsteller...

Ein armer Jude auf dem Sterbebett: „Da sagen mir alle Leute, ‚gut, diesseits haben Sie es nicht leicht gehabt, Herr Kohn, aber jetzt kommen für Sie die Freuden des Jenseits‘! Laden möcht’ ich, wenn sich herausstellt, es gibt gar keines.

Ein Kaiser als Puppe des Zufalls

In seiner Napoleon-Monographie (die deutsch in der Reihe der rororo-Bildmonographien vorliegt) bezeichnet André Maurois das Leben des Korsen als „eine der glänzendsten Legenden der Geschichte“.

KRITIK IN KÜRZE

„Superfalle“, Roman von H. B. Correll. Die Science-fiction-Literatur befindet sich nach der Ansicht von Experten, zumindest in Deutschland, in einem Degenerationsprozeß.

Wer füttert die Denkmaschinen?

Deutschlands Computerfirmen sorgen sich um die Zukunft. Denn die Ausweitung ihrer Produktion ist bedroht, weil die Ausweitung der gesamten Datenverarbeitung und ihrer Anwendung durch Engpässe begrenzt ist.

Mehr als ein Dessert

Eine wirklich alltägliche Szene, eine kleine Episode am Straßenrand irgendwo, keine dramatischen Zuspitzungen, kein kunstvoll geknüpfter Knoten, keine schicksalsschweren Entwirrungen – einfach eine Alltagsszene: Zwei Menschen begegnen sich auf der Straße.

Fernsehen: Das totale Programm

Was immer es war – ein Kontrastprogramm war es gewiß nicht, was da zwischen dem Heiligen Abend und der Nacht des zweiten Festtags den Bildschirm passierte: Hier Weihnachtsgesänge für Knabenchor und Harfe und dort Lieder zum Fest, fromme Weisen auf allen Kanälen! Und dann, in feudalem Rahmen stilecht wiedergegeben, die Musik alter Meister, hier Brühler Schloßkonzert, dort das Konzert in Sanssouci, Idyllen in Dur, stimmungsvoll ergänzt durch eine wahrhaft verschwenderische Eis- und Wald- und Schnee-Szenerie: die einen boten Tanz, die anderen Zauber, und beide boten’s auf dem Eis, und beide boten’s gleich mehrfach.

Zeichentrickfilme zu Weihnachten: Antiheld der Leistungsgesellschaft

Zeichentrickfilme sind wie Barockmusik: unverbindliches Material für die Indifferenz beim Erlebnis heiliger Feste. Wenn das eine erscheint und das andere erklingt, heißt das: der Blitzableiter ist errichtet, die Gefühle können in die Erde versinken oder in den Himmel rutschen, es ist die Befreiung aus einer Notlage, die ein Datum hervorruft.

FILMTIPS

Im Fernsehen: „Der Schlachter“, von Claude Chabrol. In einem kleinen französischen Dorf freunden sich die Lehrerin und der Schlachter an.

Der unsterbliche Conférencier

Früher – also in der Zeit, als der Zebrastreifen und die Mainzelmännchen noch nicht erfunden waren – gab es zwei äußerst beliebte Einrichtungen: die Überleitungen am Flügel und die verbindenden Worte eines Conferenciers.

Die Fußkranken des Booms

Wie lange dauert die gegenwärtige Aktienbaisse noch an, und wo wird diesmal ihr tiefster Punkt liegen? Die Antworten auf diese Fragen stimmen wenig hoffnungsfroh.

Holzhammer

Nun hat es auch der Wissenschaftliche Beirat J. beim Bundeswirtschaftsministerium noch einmal gesagt: Durch einen Mietstopp lassen sich die Probleme am Wohnungsmarkt.

REPORT AUS BONN

Im Bundesverteidigungsministerium wird ein geeigneter Techniker gesucht, der dem neuen Präsidenten des Bundesamtes für Wehrtechnik und Beschaffung (BWB), Günther Rabus, mit technologischen Bundeswehrkenntnissen zur Seite stehen soll.

Experte

Endlich haben die aeronautischen Erfahrungen des Ex-Bundesfinanzministers Franz Josef Strauß auch international gebührende Anerkennung gefunden.

Mehr Skepsis

Vorerst wird nur in Andeutungen davon gesprochen, daß die Amerikaner sich ernsthaft fragen, ob der deutsch-amerikanische Erfahrungsaustausch im Bereich von Forschung und Wissenschaft künftig noch so offen praktiziert werden kann wie bisher.

Buchhändler in Ketten

Die Krankheit ist seit langem bekannt. Sie gehört zum deutschen Sortimentsbuchhandel fast ebenso dazu wie die Ware Buch: niedrige Umsätze und eine minimale Rendite.

Japan hat seinen Reiz verloren

Die US-Fonds sind im November Nutznießer der besseren Wall-Street-Tendenz geworden. Founders Mutual, ein Fonds, der, nach seiner Satzung gehalten ist, konservativ zu investieren, brachte es sogar auf ein Monatsplus von 7,4 Prozent.

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