Die innenpolitische Auseinandersetzung in Bonn war weitgehend bestimmt von den zunehmend schärferen Gegensätzen in der Ostpolitik, der Finanz- und Wirtschaftspolitik sowie der "inneren Reformen". Die geringe Regierungsmehrheit der SPD/FDP-Koalition verführte die CDU/CSU, die sich erst in die Oppositionsrolle finden mußte, im ersten Vierteljahr zu heftigen Attacken auf die Regierung. Das erklärte Ziel der Union war es, das Kabinett Branct/Scheel zu stürzen. Der Angriff kam jedoch zu früh; die Opposition verfügte weder über ein ausreichendes Programm noch über einen anerkannten Kanzlerkandidaten

Nach dem ersten Sturm operierte die CDU/CSU geschickter; der Scheinübertritt des angeblich vor der Opposition gekauften FDP-Abgeordneten Geldner verpuffte zuletzt als wirkungslose Wahlkampfmunition. Einen stärkeren Rückhalt der CDU/CSU bei der Bevölkerung bewiesen die sechs Landtagswahlen, die im Schatten bundespolitischer Fragen standen. In Hamburg (22. März), Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen und im Saarland (14. Juni), Hessen (8. November) und Bayern (22. November) verbesserten die Unionsparteien ihren Stimmenanteil.

Die Schwächezeichen der Regierung gingen zu einem guten Teil auf die Auseinandersetzungen in der FDP zurück. Die "nationalliberalen" Wähler und Mitglieder, zu deren Sprecher sich der Ex-Vorsitzende Mende machte, verurteilten den "Linkskurs" der Partei, den sie für die Wahlverluste am 14. Juni verantwortlich machten. In Saarbrücken und Hannover scheiterten die Freien Demokraten sogar an der Fünf-Prozent-Klausel. Die Unzufriedenen gründeten die Nationalliberale Aktion und vollzogen damit im Juni den Bruch mit der FDP. –

Der Austritt der nordrhein-westfälischen Abgeordneten Lange, Maas und Mader erschütterte im September die Düsseldorfer "Schrittmacher-Koalition" für Bonn. Aber dieser Schritt und das Ausscheiden der Bundestagsabgeordneten Mende, Starke und Zoglmann markierten im Oktober den Tiefpunkt. In Hessen und Bayern konnte sich die FDP behaupten und verbessern.

Die SPD kämpfte mit ihren Regierungsversprechen. Die notwendige Rücksicht auf den Koalitionspartner, dem die Mitbestimmungspläne geopfert werden, mußten, parteiinterne Auseinandersetzungen mit den von der Opposition verteufelten Jungsozialisten und der Kampf gegen wirtschaftliche Überhitzung, inflationäre Erscheinungen und drohende Rezession lähmten den Schwung und dämpften die Erwartungen.

Die Opposition nutzte energisch die Verlegenheit der Regierung, die die finanziellen Möglichkeiten zur Verwirklichung ihres Reformprogrammes überschätzt hatte, und engagierte sich besonders in den Finanz- und Wirtschaftsdebatten. Auf beiden Seiten fielen heftige Bemerkungen, die das Klima der politischen Diskussion verschlechterten.

Trotzdem verwirklichte die Regierung einen großen Teil des Reformprogrammes: Demonstrationsrecht, Amnestiegesetz, verbesserte Krankenversicherung, Wohngeldgesetz, verstärkte Vermögensbildung und zahlreiche soziale Verbesserungen für Landwirte, Rentner und Kinderreiche wurden verabschiedet. Die Regierung versäumte allerdings, diese Maßnahmen politisch-propagandistisch richtig zu "verkaufen". So konnte die Opposition den Entwurf zum Ehescheidungsrecht und die Diskussion über die Freigabe der Pornographie in der Öffentlichkeit gegen die Regierung verwenden.