Von Karl-Heinz Janßen

Die Ereignisse um Weihnachten – die Angst um. Beihl und Bucher, die Urteile gegen baskische Nationalisten und russisch-jüdische Flugzeugentführer, die Freilassung des Gewaltpropheten Régis Debray, die Kämpfe mit palästinensischen Partisanen – sie haben noch einmal beschworen, was in den vergangenen Monaten die Konsumenten von Fernsehen und Presse in Atem gehalten hat: Luftpiraterie, Diplomatenentführungen, Banküberfälle, Gefangenenbefreiungen, Folterungen, Erpressungen, Straßenschlachten, Guerillas, Mord und Totschlag.

War also 1970 ein Jahr der Gewalt? Sind wir Augenzeugen einer beispiellosen Eskalation von Gewalt? Der Schein trügt. Unsere schnellebige Zeit vergißt zu rasch, welche Kaskaden von Gewalttaten, die weltweites Entsetzen hervorriefen, in den sechziger und fünfziger Jahren zu verzeichnen waren.

Gewalt ist der Natur des Menschen zu eigen. Sie ist die Zwillingsschwester der Geschichte oder, wie Engels gesagt hat, ihre "Geburtshelferin". In der "Erklärung der Menschenrechte" ist sogar das Recht auf Widerstand gegen Unterdrückung verbürgt. Nationen haben der Gewalt Denkmäler errichtet und Feiertage gewidmet: zur Erstürmung der Bastille, zum Sturm auf das Winterpalais, zum Streik der Bauarbeiter am 17. Juni. An solche historischen Ursprünge sollte man sich in dieser Zeit des Übergangs erinnern.

Nicht die Gewalt an sich ist denn das Neue. Die Bibel, die Dramen Shakespeares, aber auch die Zeitungsbände dieses Jahrhunderts sind ein Sammelsurium von Scheußlichkeiten und Grausamkeiten. Wohl aber sind einige Erscheinungsformen der Gewalt so neu, daß wir uns an sie gewöhnen müssen wie an Atombomben und Mondraketen. Manches, was ungewöhnlich erscheint, hat indes schon eine lange Geschichte. Urformen der Guerilla waren der amerikanische Befreiungskrieg gegen die Engländer und der spanische Volksaufstand gegen Napoleon. Die Tupamaros sind nur eine moderne Variante dieser Kriegsgattung.

Es gibt keinen gemeinsamen Nenner für die Gewaltausbrüche in den verschiedenen Kontinenten. Die Revolutionsmodelle werden jeweils den Verhältnissen angepaßt. Typisch ist die Antwort des "Frelimo"-Führers Joaquin Chissano aus Mosambik auf die Frage, war seine Vorbilder seien: "Wir haben unseren eigenen Kampf, und unsere Geschichte wird nicht eine Kopie der Geschichte Kubas sein." Oder die Äußerung des "Black-Panther"-Führers Eldridge Cleaver, wie sie im neuesten "Kursbuch" verzeichnet steht: "Wir sind der Ansicht, daß unsere Situation einmalig ist, gerade so wie Régis Debray und Che Guevara und Fidel Castro Theorien hervorgebracht haben, die einer einmaligen Situation entsprachen."

Zwei moderne Propheten der Gewalt haben indes die revolutionären Bewegungen in Afrika, im Nahen Osten, in Lateinamerika und in den Vereinigten Staaten mit ihren Ideen nachhaltig befruchtet. Einmal Frantz Fanon, der Arzt aus Martinique, der für die Freiheit Algeriens kämpfte und 1961 in New York an Leukämie starb – am selben Tag, als in Paris sein epochemachendes Buch Les damnes de la Terre ("Die Verdammten dieser Erde") erschien. Fanon hat das christliche Gleichnis von den Letzten, die die Ersten sein werden, auf die Entkolonialisierung angewandt, die für ihn ein "Phänomen der Gewalt" ist, einer Gewalt, die den "Neuen Menschen" hervorbringt und "in Blut und Zorn" die jungen Nationen integriert. Als Arzt entdeckte er, daß Gewalt die Kolonisierten von ihren Minderwertigkeitskomplexen, ihren kontemplativen und verzweifelten Haltungen befreite – Gewalt als Katharsis.