"Superfalle", Roman von H. B. Correll. Die Science-fiction-Literatur befindet sich nach der Ansicht von Experten, zumindest in Deutschland, in einem Degenerationsprozeß. Die besten Science-Fiction-Autoren wären Wissenschaftler, und die haben sich wahrscheinlich aus Gründen der Seriosität bislang nur vereinzelt entschließen können, uns den als psychologisches und intellektuelles Rüstzeug wichtigen Zukunftsschock zu vermitteln (Alvin Toffler). Auch in der "Superfalle" werden keine wissenschaftlichen Überlegungen angestellt. Die Handlung basiert allerdings auf einem nicht so ganz phantastisch anmutenden Denkmodell: der unter Narkose vorgenommenen Manipulation des Unterbewußtseins im Interesse der Herrschenden. Der amerikanische Geheimdienstier Slinger wird für einen Auftrag programmiert, und zur sicheren Erledigung dieses Auftrags wird seine Identität zerstört. "Aus dem Individuum Conrad O. Slinger haben wir einen Staatsbürger gemacht, einen Konsumenten von Befehlen..." Slinger soll die deutsche "Geheimelite" ausfindig machen (ihre Mitglieder wissen von ihrer Zugehörigkeit nichts), die eine retardierende Entwicklung in Deutschland vortäuscht, um beizeiten um so erfolgreicher zuzuschlagen. Denn das "neue bisher noch geheime Weltmanagement kommt aus Deutschland Die durch Programmierung des Unterbewußten möglich gewordene perfekte Tarnung wird zum wichtigsten Faktor der politischen Aktivität, politische Taktiken richten sich ausschließlich nach dem Machtprinzip, und die Falle ist eine Superfalle, weil weder Fronten noch Feinde als solche erkennbar sind. Als Modellschilderung einer absurden Machtpolitik, die den Menschen als ein programmiertes, perfekt funktionierendes Werkzeug vereinnahmt, bietet die "Superfalle" ein die Realität lehrreich beleuchtendes Zukunftsbild. Von der Schilderung Deutschlands als Mittelpunkt der Welt sollte man allerdings großzügigerweise absehen. (Melzer Verlag, Frankfurt; 208 S., 14,–) Christel Buschmann

"Gilles", ein Kostümstück von Peter Härtling. Noch ein Marat, noch ein Danton, noch ein Robespierre – hieße der Autor dieses Stückes aus der Französischen Revolution nicht Härtling, man wäre mehr als skeptisch. Aber hier geht es gar nicht um die Revolution, sondern um die Verkleidung, das Rollenspiel, und die Hauptfigur Gilles ist ein Komödiant. Als Siebzehnjähriger von Watteau gemalt, gerät er als Vierundachtzigjähriger ins Marionettenspiel der Politik, als ein Zwischenträger, der um seine Identität bangt und die historische Bühne sofort verläßt, wenn Robespierre seinen "Ausweis" – den Stich Watteaus – zerreißt. Was daraus, zu machen, zu erspielen ist, muß das Theater erweisen. Daß man die Probe aufs Exempel machen wird, ist anzunehmen, denn Härtling ist kein sprachloser Autor, er ist außerdem gescheit. Oft heißt das allerdings auch theaterfern. Es ist nicht auszuschließen, daß "Gilles" den gleichen Weg geht wie "Fiorenza", falls nicht von Anfang an ein entschlossener Dramaturg aus dem Lesestück ein Drama macht. (Goverts Verlag, Stuttgart; 126 S., 14,– DM)

Martin Gregor-Dellin