ZDF, Sonntag, 27. Dezember: "Variationen"

Eine wirklich alltägliche Szene, eine kleine Episode am Straßenrand irgendwo, keine dramatischen Zuspitzungen, kein kunstvoll geknüpfter Knoten, keine schicksalsschweren Entwirrungen – einfach eine Alltagsszene: Zwei Menschen begegnen sich auf der Straße.

Er: ein sportiver Mann, vielleicht Anfang Dreißig, aber er gibt sich jünger, offenes Hemd, enge Hose auf den Hüftknochen, bestimmter und beschwingter Gang, die neueste Sportzeitung. Sie: eine langhaarige Blondine, Mitte Zwanzig vielleicht, die rosa Bluse trägt sie offen und nabelfrei geknotet, Hose im Indian-Look, Stirnband, die ersten Meter über die Straße bis auf den Gehweg nimmt sie etwas eiliger, springend, dann schlendert sie, der Einkaufskorb aus Bast pendelt lässig hin und her.

Die beiden kennen sich flüchtig, vom Fenster auf der anderen Straßenseite, nun begegnen sie sich. Sollen sie einander ansehen, grüßen, sollen sie stehenbleiben, etwas sagen? Jeder hat die gleichen Fragen. Aber sie weichen einander aus, sehen aneinander vorbei: Er holt seine Zigaretten aus dem Automaten, sie nestelt das Etikett der Reinigungsanstalt von ihrem Hosenbund. Ein kurzer Blick zurück, sie dreht abwartend-gespannt-verlegen an ihren Haaren, weitergehen, noch ein Blick zurück, er winkt sogar, sie hüpft um die Ecke. Und nur der alte Leierkastenmann hat es gesehen.

Und die Kamera. Dreiundfünfzigmal zeigt sie diese Fünfundfünfzig-Sekunden-Szene, objektiv und subjektiv, in der Totalen und in Großaufnahme, als Negativentwicklungen oder mit Solarisation, im Spiegel eines Autos und durch die Scheibe des Zigarettenautomaten, in Überblendungen und mit Trickeinspielungen, verkürzt und in den Details – das kleine Zwinkern in seinem Auge und das Loch im Schuh des Leierkastenmannes, die alten Dachgauben auf den Kleinstadthäusern und die Blume auf der anderen Straßenseite, die Zeitung in seiner Gesäßtasche und der Sex-Appeal ihrer Bluse, die Mechanik des Zigarettenautomaten und die Falten im Gesicht des Alten, der geflochtene Korb in ihrer Hand, der Fuß auf dem Gulliloch, das Muster ihrer Hose.

Eine "Etüde für einen Regisseur und eine Kamera" hieß es im Untertitel, und in der Tat: ein Lehrstück war’s, ein Stück, das zeigte, was eine Kamera – sehen und wie sie sprechen kann. Das Thema ist nicht neu, Manipulation nennt heute den Vorgang nicht nur, wer Schlimmes dahinter vermutet. Aber dieser Film wollte nicht entlarven, weder mit erhobenem noch mit ausgestrecktem Zeigefinger. Nur hinweisen wollte er, ein Schau-Stück, ein Schau-Spiel.

Und so wurde aus der virtuosen Etüde für die Macher ein Übungsstück für den Betrachter, eine Lektion für die Augen – nach dreieinhalb Tagen feiertäglicher Einheitsopulenz tat sie dringend not.