Von Marcel Reich-Ranicki

Wer sich nach guter deutscher Prosa sehnt, wird hier kaum auf seine Rechnung kommen. Denn keiner der Großen unserer Literatur war ein so nachlässiger und liederlicher Briefschreiber wie Alfred Döblin

Alfred Döblin: "Briefe", herausgegeben von Heinz Graber; Walter-Verlag, Olten/Freiburg; 686 S., 48,– DM.

Für ihn, dem ein anmutiger Satz von vornherein dubios und dem alles Wohlklingende geradezu verabscheuungswürdig schien ("Wenn Sie stilistische Schönheiten wünschen, so wenden Sie sich vielleicht an meinen Kollegen Thomas Mann", antwortete er höhnisch der Redaktion einer Zeitschrift), für ihn, der weder Zeit noch Geduld hatte, um an den Manuskripten sogar seiner wichtigsten Romane zu feilen, war das Korrespondieren bloß ein lästiges Geschäft.

Spaß hat es ihm jedenfalls nie gemacht; er wollte es sich offenbar stets so rasch wie möglich vom Halse schaffen. Der Verdacht gar, er habe beim Briefschreiben je an das Publikum oder an die Nachwelt denken können, wäre völlig abwegig. Und wie ihm, der sich tatsächlich immer nur an die jeweiligen Adressaten wandte, die Wonnen der Selbstentblößung und der Selbstanklage fremd waren, so kannte er auch nicht das Bedürfnis, sich in Szene zu setzen oder hinter einer Maske zu verbergen.

Aber eben deshalb lassen diese meist spontanen und schlampigen Briefe – anders als diejenigen seiner ungleich sorgfältiger formulierenden Kollegen – den Autor ganz und gar erkennen, ungeschminkt und unstilisiert. Mehr noch als seine Vorzüge und seine liebenswerten Eigenheiten zeigen sie freilich seine Schwächen und Fehler, seine vielen Komplexe und Ressentiments – und dies so deutlich und nachdrücklich, daß das unbeabsichtigte und unbarmherzige Selbstporträt Döblins auf manche seiner Bewunderer ernüchternd wirken mag.

Denn er war nicht nur ein schnoddrig-kühner Visionär, sondern auch ein weltfremder Eiferer, nicht nur ein bahnbrechender Künstler, sondern auch ein unverbesserlicher Dilettant, nicht nur ein genialer Schriftsteller, sondern bisweilen auch ein kleinlicher Mensch und ein ganz großes Kind. Er war wandlungsfähig, aber auch launenhaft. Er reagierte auf seine Umwelt impulsiv und sprunghaft, immer ungeduldig und meist hastig und mitunter auch ungerecht und grausam.