Alexander Uschakow: "Das Erbe Stalins in den deutsch-polnischen Beziehungen" (Stalin’s Legacy in German-Polish Relations); Verlag Wissenschaft und Politik, Köln 1970, 48 S. (Sonderdruck aus: "Internationales Recht und Diplomatie"), nicht im Buchhandel erhältlich.

Was Willy Brandt in Warschau durch seine Unterschrift bestätigen mußte – die territorialen Veränderungen in Osteuropa nach 1945 –, wurde schon ein Jahr vor der Potsdamer Konferenz von Stalin in einem Geheimvertrag mit dem kommunistisch geführten Lubliner Komitee festgelegt: die Oder-Neiße-Linie als künftige Staatsgrenze zwischen Polen und Deutschland ("wobei die Stadt Stettin auf polnischer Seite bleibt"). Alexander Uschakow hat den Text des lange Zeit unbekannten Abkommens zum erstenmal in westlichen Sprachen (Deutsch und Englisch) übersetzt.

Übrigens hatte die polnische Exilregierung in London schon 1943 in ihren Verhandlungen mit den Westmächten die Lausitzer Neiße und Stettin ins Gespräch gebracht – eine Vorgeschichte, die Gerhard Löwenthal in seiner geharnischten Fernsehkritik an Außenminister Scheel bis heute außer acht gelassen hat.

Stalins Zutat war die Idee der Kompensation: Die polnischen Nationalkommunisten wurden gezwungen, auf das Tauschgeschäft "Polnischer Osten – Deutscher Osten" einzugehen. Stalin sicherte sich seinen Territorialgewinn aus dem Pakt mit Hitler. Es gelang den Russen, "im Osten eine ‚offene Grenze‘ zu Polen zu erhalten, der eine strategische Grenze’ gegenüber Deutschland an der Oder und Neiße entsprach". Die neuen Grenzen brachten Warschau in dauernde Abhängigkeit von der Sowjetunion. In Ostberlin hat man – auch das erfährt man aus diesem faktenreichen Aufsatz – noch bis 1946 eine Revision der deutschen Ostgrenzen für möglich gehalten, kj.

Klaus Hildebrand: "Bethmann Hollweg, der Kanzler ohne Eigenschaften? – Urteile der Geschichtsschreibung – Eine kritische Bibliographie"; Droste, Düsseldorf 1970; 68 S., Ln. 12,80 DM, Ppbck. 7,80 DM

Kein Staatsmann der jüngeren deutschen Geschichte ist so verkannt worden wie der Reichskanzler Bethmann Hollweg. In jeder Epoche seit 1914 ist er anders gedeutet worden, aber seine widerspruchsvolle Persönlichkeit ließ sich nie ganz erschließen: War er der einsame Ethiker in der Reichspolitik oder ein abgebrühter Machiavellist, der "Philosoph von Hohenfinow" oder der Entfesseier des Ersten Weltkrieges, ein engstirniger Beamter oder ein weitblickender Politiker, ohnmächtiges Werkzeug der Militärs oder Exponent der herrschenden Kreise aus Landadel und Schwerindustrie, Reaktionär oder Reformer – oder alles zusammen?

Der junge Historiker Hildebrand resümiert am Ende seiner verdienstvollen Bestandsaufnahme, die unterschiedlichen Interpretationen hätten ihre Ursache wohl immer noch im politischen oder methodischen Vor-Verständnis der Quellenforscher: "Es ist töricht, über Bethmann zu schreiben und an Bismarck, Lloyd George, Stresemann, Hitler oder Adenauer zu denken." Jener Biograph muß noch gefunden werden, der "Vita, Politik und Gesellschaft miteinander in Einklang bringt" und Bethmann Hollweg als "Typus in der Entwicklung des deutschen Nationalstaates" begreift. kj.