Von Peter Grubbe

Indien ist kein Staat, sondern ein Kontinent. Tradition und religiöse Bindungen sind in Indien noch heute so stark, daß die Bewohner des Landes dem Zug zur Standardisierung erfolgreicher Widerstand leisten als die meisten anderen Völker. Das schützt sie unter anderem vor dem Konsumzwang, hindert sie jedoch an einer wirksamen Bekämpfung der Armut. Indien lebt gleichzeitig in der Vergangenheit und in der Zukunft, aber zur Gegenwart finden seine Menschen nur schwer eine Verbindung.

Das sind drei Erkenntnisse, die der französische Regisseur Louis Malle in den sieben Filmen seines "Notizbuchs einer Indienreise" dem Zuschauer vermittelt. Seit Jahren sucht das Fernsehen nach einer modernen Form für die Darstellung ferner Länder. Der einst übliche "Überblick" von den Sitten der letzten Ureinwohner bis zum neuesten Staudamm und zum Interview mit dem Regierungschef ist nicht nur deshalb unerträglich geworden, weil die Form sich abgenützt hat, sondern auch, weil die Zuschauer heute gerade auf Grund des Fernsehens mehr von fremden Ländern wissen als vor zehn oder fünfzehn Jahren. Wer heute einen Film über Indien macht, braucht das Taj Mahal nicht mehr zu zeigen, weil die meisten es inzwischen schon ein dutzendmal gesehen haben. Hinzu kommt, daß der "Überblick" häufig an der Oberfläche des gezeigten Landes haften blieb.

Louis Malle, bekannt geworden durch Spielfilme wie "Das Irrlicht", "Der Dieb von Paris" oder "Viva Maria", praktiziert in dieser Serie "Cinéma vérité". In einem Interview hat er das mit den Worten erläutert: "Ich versuche, Wirklichkeit zu filmen." Die sieben Filme seines "Notizbuchs einer Indienreise" sind ein solcher Versuch.

Malle zeichnet in seinen Filmen die Porträts dreier großer Städte: Kalkutta, Bombay, Madras; er zeigt die Welt der Kasten und die Bedeutung der Religion; er zeigt die Menschen in den Dörfern und das sozialistische Experiment von Kerala. Er zeigt vieles nicht: weder Neu-Delhi und die Regierung, noch, das umstrittene Kaschmir, weder die ins Groteske gesteigerte Bürokratie des Landes, noch den Luxus der Reichen und den beginnenden Aufstand der Bauern. Aber das ist kein Vorwurf. Er nennt seine Serie ja bewußt "Notizbuch einer Indienreise". Und es ist ein Notizbuch. Es sind persönliche Aufzeichnungen, nur nicht mit Bleistift oder Füllfederhalter, sondern mit der Kamera gemacht.

Louis Malle ist im Grunde ein Photograph. Die Stärke seiner Filme liegt daher im Optischen. Die Farbe ist hervorragend. Und die Gesichter der Menschen sagen oft mehr aus, als der beste Kommentar es vermöchte. Malle dehnt dabei die Einstellungen oft bis an die Grenze des Erträglichen. Die Kamera bleibt endlos in einer Einstellung: Auf dem Kadaver einer Kuh, die von Geiern zerfleischt wird, auf dem zerfurchten Gesicht eines alten Mannes, auf einer Lore mit Salzsäcken, die von Arbeitern einen Berg hinaufgeschoben wird. Die lange Einstellung macht dem Zuschauer deutlich, wie stark dieses Bild den Beobachter beeindruckt hat und wie wichtig es ihm erscheint.

Der Text fällt demgegenüber etwas ab. Hier liegt die Schwäche der Filme; Malle hat im Gegensatz zur Optik noch keine eigene Form für die Vermittlung der sprachlichen Informationen gefunden. Die Texte liegen vielfach auf Bildern, die nicht zu ihnen passen. Das beeinträchtigt ihre eigene Wirkung wie die der Bilder. Außerdem fehlt den Texten die Eindringlichkeit, der persönliche Stil.