Nichts ist für eine menschliche Hervorbringung verräterischer, als wenn darin zu viele und zu schöne "schöne Stellen" vorkommen, die nicht zu einem Kunstwerk zusammenschießen. Eine Trümmerstätte halb und ganz ans Licht gehobener Einzelheiten zu schaffen, ist keine Kunst, ist allenfalls Fertigkeit. In Kunstwirklichkeit wird nur ein Ganzes zur Kunst, sorgfältiger gesagt, es wird in Buchwirklichkeit zum Buch. Der "TeBe-Kalender 1971" hat viele schöne Stellen, aber der beängstigend begabte Autor kann mehr, er verwandelt seinen Stoff dergestalt zu reinstem Kunststoff, daß sich aufmerkende Bewunderung herstellt. Das Werk führt neben einem belanglosen Anhang, der hier nicht interessiert, Zeit vor. Zu gleichgroßen rechteckigen Kristallen vereiste Energie, jedes davon mit einer Zahl und dem Namen eines Wochentages versehen, jedes mit rührender Inständigkeit "seiner" produktiv-privaten aufgehenden Sonne entgegendrängend, die es zu Tagen, Stunden und Sekunden auflösen und hinabrinnen lassen wird in das heiß-heiser gewordene Getriebe.

Wer Zeit herstellen will, der muß von rüder Stetigkeit sein, die von einer zukunftöffnenden Geläufigkeit zusammengehalten wird. Der merkwürdig abweisende Heroismus der Monokultur stellt sich so her. Der Kalenderschreiber muß Kunstverstand haben, der ihm sagt, wo es um des Kunstwerks willen abzuweichen gilt von der fabelhaft beschädigten Heurigenseligkeit des mehr läufigen als laufenden Jahres, wo Neues einzubringen, eine Zäsur zu setzen, aufregend Unsymmetrisches abzutrotzen ist. Zeit muß sich ereignen, nur von der Anstrengung des Begriffs überanstrengte Intellektuelle oder aber völlig Ungebildete werden dies mit dem verblasenen Begriff "Zeitereignis" verwechseln.

Wie es geschieht, möchte ich an einem geglückten Beispiel verdeutlichen. Der Absatz "10. Juni" sieht anders aus als fast alles Vorhergehende. Es findet sich da unter der Zahl das Wort "Fronleichnam", daneben führt ein Block folgenden Text vor: "Gesetzlicher Feiertag in Hessen, Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz und im Saarland. In Baden-Württemberg und Bayern nur in Gemeinden mit überwiegend katholischer Bevölkerung." Das ergreift, ist klug und genau und von einer sozusagen uneingeholten Frische der Erfindung. Aus dem entgegengesetzten Grund ist der Abschnitt "Notizen" unter dem 27. November eine bestürzend konzentrierte Kunstäußerung, wenn es da heißt, "Beim Einkauf dieses Kalenders für 1972 verlange man ausdrücklich TeBe-Kalender Ausgabe F". Hier wird das Eingangsthema groß und witzig variiert, und es ist einigermaßen bezeichnend für die Disziplin des Künstlerischen, daß dergleichen in dem ganzen Werk nicht mehr vorkommt.

Herrlich selten führt der Kalendermacher die Zeit nur wie ein fahles Dressurpferd vor, ohne daß sich Zeitgefühl herstellt. So steht im Abschnitt "17. November" unter der Zahl die Bezeichnung "Büß- und Bettag" und daneben etwas traktathaft-vertrackt "Gesetzlicher Feiertag. In Bayern nur in Gemeinden mit überwiegend evangelischer Bevölkerung". Zeit kommt da nicht vor. Trostlos witzelnde Intellektuelle (die beiden letzteren Worte ähneln sich ja, insoweit sie gleichsam negative Steigerungsformen der Worte Witz und Intellekt sind) werden mit einem etwas zu schnellen und etwas zu gewitzten Lächeln sagen, daß die Wiederholungen des Kalendertextes ebenso unheilbar sind, wie es die Zeit selber ist, die sie vorstellen. Dem sei entgegengehalten, daß der "TeBe-Kalender 1971" nicht eine wirkliche Zeit, sondern eine Kunstzeit herstellt. Das zu wissen kann wichtig genug sein. Im übrigen zeigt es sich wieder einmal, daß es die wirklich Großen besser "konnten". Jeder, der anläßlich des 15. August den dort vorkommenden Text liest, dessen Brillanz eine entscheidende Spur zu grell ist, um zwingend zu sein, wird an den Satz "Was gibt’s für Kurzweil?" denken, den Theseus im 5. Akt des "Sommernachtstraums" sagt. Dieses Stück ist das einzige Kunststück, dessen Bühnenzeit nichts als pure Theaterzeit sein will, dem Zeittheater sei dies ins Ohr geträufelt. Der Satz ist feuergehärtete Unsterblichkeit, Schlegel hat ihn in einem Brief an Novalis recht gewagt kommentiert, zweifellos von dem beeinflußt, was Jean Paul dazu zu sagen hatte.

Den Text über die "Hl. Drei Könige" schon zu dem 6. Januar zu setzen, zeugt von einer bedauerlichen Unfähigkeit, Proportionen einzuhalten. Er klingt daher verhuscht-marmorn und überraschend seifig. Man kann das am reinsten mit einem Vergleich aus der Sphäre des Essens verdeutlichen, das Essen ist ja "an sich" nicht etwas Unkünstlerisches, es kommt immer darauf an, wer ißt. Das ist also so, wie wenn jemand in einer billigen Bierwirtschaft am Bahnhof Austern verlangt. Da konstitutionalisiert sich gleichsam der Ritus des großen Scheiterns, auf allerhöchster Gescheitheitsebene, versteht sich, der weltläufige Notstand wird "öffentlich".

Die Coda, unter dem 22. Januar 1972, liest sich so: "Notizen. Die Zeiten der Auf- und Untergänge der Sonne gelten für 50° nördl. Breite und 8,7° östl. Länge (Frankfurt a. M.)" Dies ist ins nahezu Unfaßbare gesteigerter, die Form eher bezwingender als sprengender, wahnsinnsmächtiger Ausdruck von seltsam hämmernder Unverkrampftheit, die sich eine absurde flimmernde Präzision abfordert. Es ist eine Stelle, die ganz selbstverständlich "kommt". Um es genauer zu formulieren, der Kritiker ist ja subjektiv und spontan zugleich, an dieser Stelle kommt es mir. Und es ist gleichsam nur das Tüpfelchen auf das "i", wenn hier der Schlußpunkt fehlt, der überall sonst mit auffälliger Eindringlichkeit gesetzt ist, damit verbalisiert der Künstler zwingend und nicht ohne Witz, daß es im Verlauf der Zeit keinen "Schlußpunkt" geben kann. Mit diesem Einschub stellt sich nicht nur produktiv die vorgeführte Zeit her, es ist dem Talent des Autors darüber und über sich selbst hinausweisend etwas gelungen, das sich eigentlich fast nie ereignet und schon fast perfekt ist. Die Auf- und Untergänge der Sonne sind Wirklichkeit. Die Einfügung in die künstliche Einteilung der Längen- und Breitengrade stellt Kunstwirklichkeit her. Der Kunstgriff, welcher diese Kunstwirklichkeit nun seinerseits in ein Kunstwerk einbezieht, macht aus der Kunstwirklichkeit unvermittelt Kunstkunst.