1

Betty und Ria stammten beide aus sehr guter Familie, hatten beide den gleichen Beruf und beide eine Schwäche für Männer, mit dem einen Unterschied, daß Betty es besser mit den Männern verstand, und die Männer es besser mit Ria. Ria hätte viele dunkle Schicksalsstunden vermeiden können, wenn es ihr gelungen wäre, weniger Gefühl in ihre Affären zu investieren. Als sie den Geliebten heiratete, der beim Tode des Gatten nachgeholfen hatte, überspannte sie den Bogen. Arbeitslos und in der irrigen Meinung, nur einer Frau ihrer Position könne sie vertrauen, lief sie zu Betty, der Emanzipierteren. Das wäre um ein Haar schiefgegangen, da Ria es selbst jetzt noch in aller Unschuld fertigbrachte, Betty ihren Lieblingsfreund auszuspannen. Aber die Appelle an das Berufsfrauenherz trafen am Ende doch nicht auf Stein: Großmütig trat Betty der Freundin den Freund ab und suchte ihren Seelenfrieden danach nur noch in der Karriere. Der Passagierverkehr auf der Fähre von Calais nach Dover verminderte sich nach diesem Ereignis um einen illustren Fahrgast.

2

Alte Männer sind so. Sie tyrannisieren ihre Umgebung, hebeln und hobeln düster vor sich hin, sind mit dem Rasiermesser rasch bei der Kehle. Sie wollen immer recht haben und erzählen jedem, daß sie die Welt nicht mehr verstehen. Armer Vater, arme Kinder. Ein Sohn hat es da immer noch besser. Der Alte kann mir mal am Dödl hupen, denkt er und geht zur See. Für die Tochter liegt das Meer zu weit, und wenn schon Wasser, dann der Brunnen um die Ecke. Und das alles, weil der falsche Mann sie folgenschwer umarmt hatte. Dabei hatte der richtige, ihr Friedrich, seine kleinbürgerlichen Vorurteile während eines auswärtigen Akademiestudiums glücklicherweise abgebaut. Die werdende Mutter war platt, als sie sah, wie leicht er darüber wegkam. Der Schein in der Tasche ersetzt die Brunnenkur. Mit dieser Trau-Schein-Welt war auch der alte Vater einverstanden. Ehre, wer in Ehre gebiert.

3

Dem Chef mißfiel das zügellose Treiben in der Siedlung bereits seit langem, und so empfahl er seinem Vertrauensmann einen baldigen Umzug. Der Opportunist zögerte keinen Augenblick. Anders seine Frau, der die Libertinage offensichtlich großes Vergnügen bereitete. Sie mochte sich von der liebgewonnenen Umgebung nicht trennen – was den Boß zu grenzenloser Wut reizte. Seinen raffinierten Plan, die Vergnügungssüchtige auf höchst mysteriöse Weise zu Tode kommen zu lassen, konnte er zwar ins Werk setzen; seinen letzten Triumph, die basisch-kristalline Mumifizierung, jedoch vereitelte die Belegschaft: Sie übergoß die Dame mit einer falschen Lösung. Und damit war wieder alles im Lot.