Von Andreas Kohlschütter

Warschau, im Dezember

Den Polen ist am Jahresende nicht zum Jubeln zumute. In Warschau sind die traditionellen Silvesterbälle überall abgesagt worden. Im Fernsehen erklärte ein Kommentator: "Wir tragen alle Trauer, denn auf unsere Herzen hat hat sich die Asche der brennenden Häuser von Danzig und Stettin gelegt." Diese Dimension der durchlebten nationalen Katastrophe sprach auch der polnische Kirchenfürst, Kardinal Wyszinski, in seiner Weihnachtspredigt an. Er nannte die blutigen Unruhen in den Ostseestädten eine "tragische und beispiellose Prüfung in unserer Geschichte", die eine tiefe "Unruhe und unaussprechliche Qual" hinterlassen hat.

Auf dem Trümmerhaufen, die der polnische Weihnachtsaufstand hinterlassen hat, beginnen jetzt die Aufräumarbeiten. Der Sturz Gomulkas und die Wahl Edward Giereks zum neuen Parteichef wurden mit Erleichterung aufgenommen, nachdem die immer weiter um sich greifende Arbeiterrevolte das Land an den Rand eines Bürgerkrieges und wohl auch einer sowjetischen Intervention gebracht hatte. Dem kurzen Aufatmen folgt nun die ernüchternde Erkenntnis, daß die schwere innenpolitische Krise zwar eingedämmt, aber noch lange nicht gelöst ist.

In der sich ausbreitenden Kater- und Wiedergutmachungsstimmung wird viel über den notwendigen "Prozeß intensiven Umdenkens" geschrieben und gesprochen, über die "Warnungen für die Zukunft", über die Pflicht, "grundsätzliche Fragen" zu stellen und dann "konsequente Schlußfolgerungen" zu ziehen. Die für den Januar angekündigte ZK-Plenarsitzung wird zeigen, wieviel sich von alledem in handfeste politische Aktion ummünzen läßt. Die Schwierigkeit der in Gang gekommenen polnischen Selbstdurchleuchtung beschrieb ein Warschauer Journalist mit den Worten: "Wir stecken in dem tiefen Dilemma zwischen der Notwendigkeit, Disziplin zu üben, und der brennenden Überzeugung, daß es so nicht weitergeht."

Wie kann es denn weitergehen? Die Beantwortung dieser polnischen Schicksalsfrage hängt weitgehend davon ab, ob die neue Führung den Charakter der jüngsten Krise richtig einschätzt. Sie weiß, wie schlimm es in den Zentren des Aufstandes wirklich war – weit schlimmer, als sich bisher im Westen herumgesprochen hat; sie muß auch wissen, daß der Sturm blutiger Gewalttätigkeit, der sich in den polnischen Ostseestädten austobte und sich auch in anderen Landesteilen bereits ankündigte, von unzufriedenen und erbitterten Werktätigen entfacht worden war und daß es sich dabei um eine echte proletarische und spontane Massenbewegung, um einen regelrechten Arbeiteraufstand gehandelt hat.

Der Dokumentarfilm, den ein polnisches Kamerateam in Stettin für die Wochenschau drehte, beschwört Erinnerungen an die Verwüstungen des Krieges herauf. Er wird wohl kaum für die Öffentlichkeit freigegeben werden – doch die Parteiführer haben ihn gesehen. Die meisten öffentlichen Gebäude, die Militärkommandantur, die Parteizentrale, die große Konferenzhalle, das Kasino, Dutzende von Geschäften sind ausgebrannt oder schwer beschädigt. Die Polizei und die mit Panzern angerückten Armee-Einheiten gingen mit größter Härte gegen die streikenden und demonstrierenden Arbeiter vor, die sich in den Werften verbarrikadiert hatten. Auf den Transparenten der Arbeiter stand: "Weg mit der verschimmelten Machtelite", "Ein hungriger Arbeiter ist noch lange kein Hooligan", "Solidarität mit den Werftarbeitern der ganzen Küste".