Dienst nach Vorschrift" – so nannten zuerst die Flugverkehrslotsen, später die Bediensteten der Bundespost ihre Bummelstreiks. Beamte und Angestellte der Finanzverwaltung wollen sich da keines Plagiats schuldig machen. Sie arbeiten, weil sie nicht wirklich streiken dürfen, seit Jahresbeginn nach "Recht und Gesetz" oder, noch anspruchsvoller, nach "Eid und Gelöbnis". Sie bummeln für mehr Geld, aber auch für das Allgemeinwohl – in diesem Falle für mehr Steuergerechtigkeit.

Die Verquickung besoldungspolitischer Standesinteressen mit dem öffentlichen Interesse macht das Unternehmen "Recht und Gesetz" noch unlauterer als alle bisherigen Bummelstreiks. Denn die bummelnden Finanzbeamten bewirken vorerst das Gegenteil der erstrebten Gerechtigkeit. Die Aktion belastet, sollte sie länger dauern, die Kleinen zugunsten der Großen. Wenn der Staat bisher schon auf Milliardeneinnahmen verzichten mußte, weil die personell unterbesetzten Finanzämter nur drei Prozent aller Unternehmen mit Betriebsprüfungen heimsuchen können, dann braucht der Geschäftsmann künftig nicht einmal mehr das Drei-Prozent-Risiko zu fürchten. Arbeiter und Angestellte hingegen müssen sich darauf einrichten, daß sie ihren für die nächste Abzahlungsrate einkalkulierten Lohnsteuer-Jahresausgleich erst ein halbes oder ganzes Jahr nach Fälligkeit vom Finanzamt ausbezahlt bekommen.

Wo bleibt die größere Steuergerechtigkeit, wenn man die Großen laufen und die Kleinen warten läßt? H. Sch.