Daß über die Grundsätze der Hochschulpolitik ein Consensus zwischen den Hochschulgruppen einerseits und mit den Politikern andererseits schon aus prinzipiellen Gründen nur schwer möglich ist – das ist ungefähr die einzige Binsenwahrheit, auf die sich noch alle einigen können. Um so mehr Aufmerksamkeit verdient deshalb die relativ positive Aufnahme, die der im Frühjahr angekündigte und kurz vor Jahresschluß vorgelegte Referentenentwurf der Bundesregierung für ein Gesetz "zur Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses" in Hochschulkreisen gefunden hat.

Im Kern handelt es sich bei der Nachwuchsförderung um ein Stipendienprogramm für. Doktoranden, die es in Zukunft nicht mehr nötig haben sollen, sich während der Arbeit an ihrer Dissertation, mit der sie ihre wissenschaftliche Qualifikation ja erst nachweisen sollen, in Assistentenstellen über Wasser zu halten. Daraus resultierte eine durchschnittliche Promotionszeit von vier bis fünf Jahren.

Wenn der Entwurf den Bundesrat so passiert, wie sich der Bundesminister für Bildung und Wissenschaft das vorstellt, dann werden für die Jahre 1971 und 1972 jeweils 5000 Stipendien vergeben, von 1973 an doppelt so viele. Das Stipendium soll für Ledige monatlich neunhundert, für Verheiratete elfhundert Mark betragen. Sah es noch im Sommer so aus, als wollten die Länder aus Prestigegründen ein Konkurrenzprogramm aufziehen, so ist jetzt kaum noch daran zu zweifeln, daß sie, ermahnt von ihren Finanzministern, auf das Angebot des Bundes eingehen und mit ihm gemeinsam ein großes einheitliches Förderungsprogramm realisieren wollen.

Bei der Kritik an Einzelheiten – die Assistenten bemängeln vor allem, daß die Stipendiendauer auf zwei Jahre limitiert werden soll – und der Freude der Universität darüber, nun endlich etwas Handfestes für den wissenschaftlichen Nachwuchs tun zu können, scheint eines bisher nicht genügend berücksichtigt worden zu sein: Mit dem Doktorandenprogramm wird auch eine Reformentwicklung vorangetrieben, die den Stellenwert des Doktortitels entscheidend verändern soll.

Die Promotion zum Doktor war in Deutschland lange Zeit in vielen Fächern die einzige Möglichkeit, das Studium ordentlich abzuschließen. Das traf vor allen Dingen für die Fächer der Philosophischen Fakultät zu: Wer Germanistik studiert hatte und nicht das Staatsexamen für den Lehrberuf machen wollte, mußte promovieren. Den Studenten der Publizistik und der Kunstwissenschaften blieb nur die Promotion, da es für ihre Fächer kein Staatsexamen gibt.

In den letzten Jahren würden, aber für alle Studiengänge akademische Examen (nicht zu verwechseln mit Staatsexamen) eingeführt, die zu einem Beruf qualifizieren sollen: so der Magister in der Philosophischen Fakultät, der Licentiat in der Theologischen, die Diplome in den Sozial- und Wirtschaftswissenschaften. Das Bedürfnis nach ersten, regulären Studienabschlüssen ist, wie es heißt, "gedeckt", und in der Theorie ist der Doktorgrad wieder "frei", um als Einstieg in die wissenschaftliche Laufbahn institutionalisiert zu werden. Dem entspricht jene Bestimmung im Entwurf für ein Hochschulrahmengesetz, nach der die Habilitation als zwingende Berufungsvoraussetzung auf einen Lehrstuhl abgeschafft und statt dessen vorgesehen wird, daß die Befähigung zur wissenschaftlichen Arbeit "in der Regel durch die Qualität einer Promotion" nachzuweisen ist.

Der häufigste Einwand gegen diese Entwicklung ist der Vorwurf, die Bundesrepublik nähere sich damit amerikanischen Verhältnissen. Mit ebensoviel Recht kann aber auch behauptet werden, daß wir zu alt-deutschen Verhältnissen zurückfinden. Denn die Habilitation wurde erst 1810 während der ersten preußischen Hochschulreform eingeführt. Im Laufe der Zeit war der alte Doktorgrad so entwertet worden, daß man seinen Inhabern nicht mehr automatisch die Lehrbefähigung zutrauen mochte. Die Reform von heute wäre also nur eine Rückkehr zum status ante.