Dresden resden – es war eine zufällige und sehr flüchtige Bekanntschaft auf dem Weg von Westberlin nach Prag. – "Ein, zwei Stunden können Sie meinetwegen in Dresden bleiben und essen", hatte mir der Volkspolizist am Grenzübergang Drewitz auf eine entsprechende Frage zugebilligt, "länger auf keinen Fall."

So zur Eile ermahnt, verpaßte ich natürlich die richtige Autobahnausfahrt. Die falsche hatte den Vorzug, mich nicht nur am Goldenen Reiter vorbeizuführen (Karl der Große, hoch zu Roß, gold glänzend in schwächlicher Sonne), sondern mich gleich zum Zwinger zu bringen, wo ich mein Auto auf den erstbesten Parkplatz stellte. Zwei Stunden nur – ich hastete durch die Ernst-Thälmann-Straße. Sie ist groß, breit und voller Geschäfte. Ich nahm kaum mehr wahr als ihren Namen. Vor dem Centrum-Warenhaus am Altmarkt spürte ich Versuchung in mir aufsteigen. Doch nur für den Bruchteil von Sekunden ... keine Zeit. Weiter zur Prager Straße. Sie ist für Fußgänger reserviert, zum Schlendern, und man schlenderte wirklich. Selbst die Springbrunnen schienen hier langsamer zu springen als anderswo.

Geldumtausch im Hauptbahnhof, dann die gleiche Strecke zurück, wieder gut laufend. Bis zur Volksbuchhandlung in der Ernst-Thälmann-Straße. Ich erstand dort einen Dresdner Stadtführer vom VEB Brockhaus, für fünf zwanzig. Das Angebot an Speiserestaurants in Dresden ist nach Auskunft des Stadtführers nicht ärmlich. Mein Magen hatte sich für ein Pörkölt im ungarischen Spezialitäten-Restaurant "Szeged" entschieden. Doch die Vernunft lenkte meine Schritte zum Selbstbedienungsstand im "Italienischen Dörfchen". Ich aß eine kalte Boulette und trank einen heißen Kaffee, schlang beides hinunter – 12 Minuten. Resultat: Zeit für einen Besuch im Zwinger. Statt die dortige Porzellansammlung zu besichtigen, kaufte ich einen Katalog. "Wollen Sie sich denn die Sammlung wirklich nicht ansehn?" flüsterte die Dame an der Kasse, als ob das Porzellan durch zu lautes Sprechen zerspringen könnte. "Gern, aber wann?" flüsterte ich behutsam zurück.

"Wenn Sie was von Dresden sehen wollen, müssen Sie auf die Brühlsche Terrasse gehn", hatten mir in Berlin emigrierte Dresdener geraten. Ein Blick auf die Uhr: noch eine Viertelstunde. Die Brühlsche Terrasse ist im Grunde nichts weiter als ein erhöhter, etwas breiterer Spazierweg, zu erklimmen durch eine Freitreppe, Als Rest der Stadtbefestigung hat Minister Graf Brühl – den der Stadtführer "verschwendungssüchtig" nennt – sich die Terrasse von August III. schenken und sie in einen privaten Lustgarten umwandeln lassen. Schon 1814 kam der Gouverneur Fürst Repnin den Sozialisten zuvor, indem er sie zur allgemeinen Benutzung freigab. Seitdem kann auf ihr lustwandeln, wer will. Auf der einen Seite stehen Gebäude, die wie fast alles in Dresden 1945 von Kriegs wegen zerstört und wie so manches inzwischen wieder aufgebaut wurden: Sekundogenitur, Hochschule für Bildende Künste, Albertinum. Auf der anderen Seite, weiter unten, fließt die Elbe, und auf das, was dahinter liegt, hat man jene Art Blick, die der Brühischen Terrasse den Namen "Balkon Europas" eingebracht hat.

Zwei Stunden und zehn Minuten hatte mein Auto zwischen den Reisebussen gestanden, ehe ich mich schweren Herzens von Dresden trennte. Und seitdem träume ich davon, mal richtig nach Dresden zu fahren. Den Stadtführer vom VEB Brockhaus kann ich an manchen Stellen schon auswendig. Ich kann Stadtteile aufzählen, die ich nie gesehen habe. Vielleicht nie sehen werde. Doch vieles kann ich mir vorstellen. Zum Beispiel fällt mir nichts leichter als die Vorstellung, daß ich in einem der 1917 Betten übernachte, über die die drei Hotels in der Prager Straße verfügen. Übrigens würde ich im Juni nach Dresden fahren. Während ich dann nämlich in einem der 1917 Betten schlafe, blüht vielleicht im Botanischen Garten die Königin der Nacht. (Ich könnte mich wecken lassen, um sie zu besichtigen.) Auch die Weisheit von der nächtlich blühenden Blume stammt natürlich aus dem Stadtführer. Leider verrät er mir nicht, ob ich von meinem Hotelfenster aus die Ruine der Frauenkirche sehen kann oder wenigstens den aluminiumgedeckten Kulturpalast am Altmarkt, und er verschweigt auch, warum die Dresdener Sozialisten das neue Haus mit dem blinkenden Dach ausgerechnet Palast nennen.

Im Zwinger würde ich mir einen Kahn mieten und mich einen ganzen warmen Junitag lang über den Zwingerteich treiben lassen und von dort aus genüßlich den Zwinger betrachten. Oder ich würde mich von der Standseilbahn, zum Weißen Hirsch tragen lassen und im "Luisenhof" essen. Der Stadtführer bescheinigt diesem Restaurant den besten Blick über Dresden. Ich möchte auch gern wissen, wie es im Weißen Hirsch sonst aussieht. Stehen da kleine Siedlungshäuser aufgereiht, stramm wie paradierende Volksarmisten? Oder sind es Fachwerkhäuser? Und was ist, bitte schön, eine Standseilbahn? Eine Schwebeseilbahn kann ich mir gerade noch vorstellen.

Leichter gelingt die Vorstellung von den Dampfern der Weißen Flotte, die auf der Elbe hin- oder herfahren und romantisch "Wilhelm Pieck" oder "Karl Marx" heißen. Ich könnte auf ihnen nach Bad Schandau reisen. Oder wenn mir gerade mehr nach Kunstschätzen und wohlgepflegten Parks zumute ist, nach Schloß Pillnitz. Der Stadtführer geizt nicht mit der Beschreibung von Schlössern, Museen, Kunstschätzen. Enttäuschend finde ich seine Auskünfte über den Stadtteil Pieschen. Nur daß in Pieschen 1919 die KP "wie in anderen Arbeitervorstädten eine feste Position erringen konnte", weiß er zu berichten. Kein Wort, daß in Pieschen Herbert Wehner aufgewachsen ist, der – wie freundliche Zungen behaupten – noch heute ein so begeisterter Pieschener ist, daß er seine Leberwurst in Bonn nur von einem aus der gleichen Gegend stammenden Fleischermeister bezieht.