Auch eine Regierung braucht Freunde – Menschen, die ihr gelegentlich die Wahrheit sagen, und zwar ungeschminkt, ihr einen guten Rat erteilen und sie vielleicht gar warnen. Gerade diese Regierung braucht gute Freunde. Und sie hat Glück gehabt: Sie hat gute Freunde. Dort, wo man sie kaum vermutet: in der Opposition!

Barzel zum Beispiel. Dazu sagte mir ein Regierungsberater:

"Natürlich fanden wir es reizend von ihm, daß er dem Kanzler neulich den Rat gab, doch mal nach Washington zu reisen, um ein paar kleine Mißverständnisse um seine Ostpolitik auszuräumen. Nur ein Freund wie Barzel konnte so was fertigbringen. Der weiß aus Erhards Zeiten, wie man sich drüben an Besuche aus Bonn gewöhnt hat, und ahnt, daß man sich dort neuerdings etwas vernachlässigt fühlt. Dieser Rat war dem Kanzler sehr wichtig."

"Wer gehört noch zum Freundeskreis der SPD/FDP?"

"Stoltenberg. Man sieht’s ihm nicht direkt an. Aber er hat ein gutes Herz. Wo er jemanden in Not sieht, da greift er ein. Darum warnte er jüngst im Unions-Pressedienst die Regierung vor einer Krise und gab ihr Ratschlage, wie man sie vermeidet. Ohne Stoltenbergs Selbstlosigkeit wäre die Regierung unversehens in eine Krise geschlittert. Da sind selbst Wehner verstohlene Tränen der Rührung gekommen. Aber so ist Stoltenberg nun mal. Die Regierung weiß jetzt, daß sie auf ihn zählen kann."

"Auf wen noch?" fragte ich.

"Ein nobler Charakter wie Schröder kann da nicht zurückstehen. Auch er hat gerade die Regierung gewarnt. Vor seiner eigenen Partei. Daß die nicht, wie die Regierung hofft, mit ihr durch dick und dünn geht. Lieb von ihm, nicht?"