Von Christian Schultz-Gerstein

Das Roman-Debüt des vierzigjährigen Österreichers Andreas Okopenko wäre kaum wert, auch nur erwähnt zu werden, wenn sich in ihm nicht einige Irrtümer oder Ungereimtheiten widerspiegelten, die für gewisse literarische Tendenzen typisch sind und deshalb Interesse verdienen.

Okopenko stellt seinem Buche eine "Gebrauchsanweisung" voran. "Dieses Buch hat eine Gebrauchsanweisung, denn es wäre hübsch, wenn Sie sich aus ihm einen Roman basteln wollten." Hier empfängt der Leser von den Gnaden eines liberalen Autors die Freiheit, lexikalisch vorgefertigte Baukastenmaterialien "aleatorisch" zu verwerten. So werden wir endlich erlöst von der "klassischen Lektüre", die, so Okopenko, uns zwingt, "in vorgeschriebener Reihenfolge vorgeschriebene Blicke zu werfen".

Der Kampf um Mitbestimmung, in Betrieben, Schulen, Universitäten schon seit langem geführt: warum sollte nicht auch die Literatur daran teilnehmen? Abgesehen davon, daß es immer eine verdächtige Sache ist, wenn die Mächtigen ihre Macht, mit den Untergebenen aus freien Stücken teilen, beruht der Gedanke einer Beteiligung des Lesers am künstlerischen Produktionsprozeß und den Produktionsmitteln gerade auf einer Unterschätzung des Lesers und einer Überschätzung des Autors. Der Leser braucht nämlich keinen Okopenko, der ihm Bastelfreiheit gewährt. Er hat mit den Romanen schon immer gemacht, was er wollte, indem er behielt, vergaß und akzentuierte, je nachdem, wie es für ihn wichtig war; er hat den Spielraum, den der Roman bietet, schon immer nach eigenem Belieben genutzt, bewußt oder unbewußt. Was Okopenko also im Namen einer Befreiung des Lesers beginnt, bedeutet in Wirklichkeit seine Knebelung, weil Spiel, und Spielraum nunmehr vorgeschrieben werden.

Notwendig muß diese Gebrauchsanweisung des liberalen Tyrannen von Widersprüchen wimmeln.

So erklärt er einladend, das Material liege bereit, "wie die Donau und die Anhäufungen von Pflanzen, Steinen und Menschen an ihren Ufern nach Wahl bereitliegen". Lediglich, und nun kommt der Purzelbaum, habe er es der Übersicht halber alphabetisch geordnet. "Wie in einem Lexikon." Die Symbolträchtigkeit vortäuschende Übertragung des realen Umweltmaterials in die alphabetische Ordnung des Lexikons ist nicht nur ein offenkundiger Widerspruch, sondern auch ein höchst plumper Versuch, die alte Schwierigkeit einer Annäherung der Sprache an die Wirklichkeit zu lösen. Plump deshalb, weil die bloße Übertragung den Mediumcharakter der Sprache ignoriert und dadurch das eigentliche Problem nicht einmal streift. Nichtsdestoweniger bündelt Okopenko Stichworte wie: "Mastmädchen", "Löwenfaß", "Wauß" mit der recht kühnen Behauptung: "Das ist Welt." Und pathetisch verkündet er: "Ich will Sie aus der Lektüre in die Welt befreien."

Was sich dann in den einzelnen Artikeln des Lexikon-Romans als Welt gibt, ist ein ödes Mischmasch von Pseudo-Tiefsinn und Sentimentalität, von faden Witzeleien und unbearbeiteten Klischees, deren einfache Häufung Okopenko anscheinend schon für eine die Sache entlarvende Ironie hält.