Von Marianne Kesting

In Frankreich gilt Claude Simon als der legitime Erbe Prousts. Dessen großes Thema "Zeit und Erinnerung" wurde von keinem der neueren Romanciers mit gleicher Radikalität in die Romanform übergeführt. Thema ist die Zeit, und die Form ergibt sich aus der Bemühung, ihr Verfließen sichtbar zu machen. Auch

Claude Simon: "Das Gras", aus dem Französischen von Erika und Elmar Tophoven; Luchterhand Verlag, Neuwied; 280 S., 19,80 DM

ist in diesem Sinne ein Zeitroman. Sein Pasternak-Motto lautet bezeichnenderweise: "Niemand macht die Geschichte, man sieht sie nicht, ebensowenig wie man das Gras wachsen sieht."

Schon in diesem Motto drückt sich ein Fatalismus aus, der marxistischer Geschichtsauffassung widerspricht. Der Marxismus lebt von der Anschauung, daß die Geschichte gemacht werde und machbar sei. Aber es hat nicht wenige Revolutionäre gegeben – und Claude Simon, der den spanischen Bürgerkrieg auf republikanischer Seite mitmachte, gehört dazu – die sich gleich dem jungen Büchner "wie zernichtet unter dem gräßlichen Fatalismus der Geschichte" fühlten. Schon an einem bestimmten Punkt der Französischen Revolution sprachen die Akteure Desmoulins und Robespierre plötzlich vom "Sturzbach der Revolution" oder vom "revolutionären Sturm"; es bemächtigte sich ihrer das Bewußtsein, das Gesetz des Handelns entglitte ihnen. Das gleiche Gefühl überkam beim Erlebnis der 48er Revolution den jungen Flaubert in einem solchen Maße, daß er nicht nur in der "Education sentimentale" einen regulären Rückzug aus der Geschichte beschrieb, sondern sich selber in die Provinz an den Beobachterposten seines Schreibtisches begab, wo er neue Verfahren ersann, sein Erlebnis auch formal in den Roman zu überführen. Nicht nur die zermalmende Gewalt der geschichtlichen Ereignisse, sondern auch die agierende Zeit wurde zum unterschwelligen Thema seines Romans. Proust bewunderte später in seinem Aufsatz "A Propos du Style de Flaubert die stilistischen Mittel, durch die Flaubert ihr Verfließen sichtbar machte, und baute selber diese Mittel in seinem großen Romanwerk über die Zeit weiter aus.

Das Erlebnis der Gewalt der Geschichte und die Thematisierung der Zeit hängen also unmittelbar zusammen; in dem Augenblick, da die Geschichte dem einzelnen das Gesetz des Handelns entwindet, wird sie selber zum Handelnden, und der einzelne erleidet sie nur noch. Gerade hieran wird deutlich, daß die formalen Erfindungen des modernen Romans keine Willkürmaßnahmen einzelner Schriftsteller sind, sondern Antworten auf geschichtliche Erfahrungen, daß etwa der Verlust des chronologischen Erzählens, der von Buchsaison zu Buchsaison immer wieder bedauert oder lauthals widerrufen wird, eben mit einer neuen Erfahrung der Geschichte und der Zeit zusammenhängt, die gar nicht widerrufen werden kann.

In dem "Gras" fragt Claude Simon weniger als in seinem Bürgerkriegsroman "Der Palast", was Revolution sei und was Geschichte; er richtet seinen Blick nicht auf ein Geschehen zwischen großen Menschenmassen, sondern zieht, mit der Frage nach der Zeit und ihrer Auswirkung auf eine Familie in der Provinz, einen kleineren Kreis. Das Thema rückt also aus dem öffentlichen Raum der Historie in den intimen um einige Figuren.