Von Peter Wapnewski

Das Wort von der Germanistik in der Krise droht in die Krise zu geraten. Das hat seinen Grund zum einen im sich verschleißenden Reizwert der Provokation. Zum anderen jedoch in der sich allmählich festigenden Einsicht, daß, was am Modellfall Germanistik besonders eindringlich demonstriert werden konnte, Defekt und Makel vieler in Deutschland betriebenen Wissenschaften, vor allem Geisteswissenschaften ist. Integration also der Partialkrise in die große Krise.

Manchen wird es bekümmern, den liebgewordenen Prügelknaben und Sündenbock missen zu sollen. Er mag sich trösten, es bleibt genug des Ärgerlichen. Und die Folgen der Schelte sind immerhin bemerkenswert: "Verunsicherung" allenthalben, die sich kundtut in wortreichen Programmen zur Neuorientierung; in geschmäcklerisch dekorierter Terminologie, die vermeint, mit dem neuen Wort eine neue Sache zu haben; in "Umfunktionierung", die als solche schon Funktion zu garantieren glaubt (oder gar ein Funktionieren). Vor allem aber in der Proklamation des Herrschaftsanspruchs der neuen Heilslehre: der Linguistik. Doch könnte sein, daß es nach einiger Eskalation von fachrevolutionären Wunscherfüllungen gehen wird wie in der traurigen Geschichte vom Fischer und siner Fru.

Es sei riskiert, den peinlich konservativ, ja reaktionär klingenden Gedanken auszusprechen, daß es nicht primär die Sache "Germanistik" war und auch nicht die Art ihrer Verarbeitung (so verbesserungsbedürftig sie ist), die diese Wissenschaft diskreditiert hat; sondern ihr systematisch proklamierter Innerlichkeitskult, ihr maßloser Wille, Vorbilder und Modelle aufzurichten und auf dem Wege über das Schulfach "Deutsch" die nationale Wissenschaft mit allgemeinem Bildungsanspruch zu sein.

Das alles ist vorbei. Dehn es hat keinen Ort mehr in einer Gesellschaft, die sich nicht länger aus national-patriotischem Geschichtsbild und bürgerlichem Bildungs-, Klassen- und Klassikerbegriff versteht, sondern zunehmend aus sozialen und außernationalen Kategorien.

Es ist mithin eine Situation gegeben, die als Bestandteil neuen Planens und Entwerfens eine Reduktion des Faches auf die ihm eigentlichen Möglichkeiten fordert, damit also auch Vergewisserung eines neuen nüchternen "Selbstverständnisses" und damit wiederum die Notwendigkeit von Bilanz und Resümee.

Eine solche Leistung ist hier anzuzeigen. Sie versteht sich nicht als Programmschrift, aber sie ist es. Sie beruft sich nicht auf ihren Symptomcharakter, aber sie hat ihn.