Setzt sich auf der Bühne jemand in ein Glas Heidelbeerkompott oder verliert zur unrechten Zeit am unrechten Ort die Hosen oder wähnt als Liebhaber den Ehemann weit fort, während der doch im nächsten Augenblick durch die Tür kommen wird, dann neigen Kunstfreunde dazu, die Nase zu rümpfen: sie fürchten, unter ihr Niveau zu steigen.

Sie haben nicht unrecht: denn die Farce gerade in ihrer perfektesten und perfidesten Form (also in den Vaudevilles des 1921 gestorbenen Franzosen George Feydeau und in Charlie Chaplins Filmen) zahlt dem (spieß)bürgerlichen Bestreben nach Niveau seine geheimen Wunschängste mit dem radikalen Niveauverlust heim. Wo der Bürger Würde so veräußerlicht hat, daß sie mit der Hose "steht und fällt", wird sie in die Blaubeeren gesetzt; wo die Ehre der Schein ist, der die geheiligten Schlafzimmer mit den noch unentbehrlicheren Absteigen vereint, sind Figuren, die unsere Lust erwecken, weil sie ihre Lust in die unlustigsten Situationen bringt, vor unserem "Niveau" vor allem durch die fratzenhafte Aufrichtigkeit gesichert. Und wenn Freud in seiner Witz-Theorie sagte, daß die Ehe nicht die Veranstaltung sei, die Sexualität des Mannes zu befriedigen, und obendrein, daß dieses Geheimnis in Millionen von Männerwitzen über die Ehe halb gewahrt und halb ausgeplaudert wird, dann hat Feydeau diesen Zustand in die Vollkommenheit seiner Farcen-Welt übertragen.

Ihr genialster Grundzug: die hohnvollgescheiteste Ausnutzung der Tatsache, daß zwischen der Aufrechterhaltung der Konvention und ihrer Vernichtung ein dialektisch sich gegenseitig bedingendes, nur in der Farce aufzuhebendes Wechselspiel stattfindet.

Auch in der zu Silvester vom Deutschen Schauspielhaus Hamburg gespielten Farce "Einer muß der Dumme sein" ("Le Dindon"), die nicht zu den Meisterwerken Feydeaus gehört, dennoch noch im absurdesten Hosenfall mehr weltdeutenden Esprit besitzt als die meiste hehre Kunst der Feydeau-Zeitgenossen, die den Zuschauer in der Würde seines Niveaus beließen, auch in dieser Farce scheint die Ehre in der guten Stube bedroht und wird in der bordellartigen Absteige wiederhergestellt: der Teufel, der Feydeaus Figuren reitet, läßt sie in ihrem zappelndmechanistischen Lauf, die Ehe zu brechen, ein Hoheslied aus infernalischem Gelächter über die Ehe singen, denn die Doppelmoral erlebt ihren doppelten Boden. Dieser doppelte Boden heißt bei Feydeau rigoros bereitete "Situation": um aus der Klemme zu kommen, expediert man sich in die Klemme. Die Schwermut über alle Verstrickungen wird leichtsinnig, der Leichtsinn gerät in Schwermut. Feydeaus Geschöpfe sind äffische Bestien ihrer Triebe und gleichzeitig die artigsten Feiglinge ihrer Plüschübereinkünfte. So verfehlen sie ihre Natur, die sich in das Stundenhotel davonstehlen möchte, weil ihnen die Krallen mit dem Plüsch des Herkommens verbunden sind. Der Zuschauer erkennt, daß nicht sie aus den Konventionen ausbrechen, sondern daß diese Konventionen mit ihnen durchgehen –

weniger "abstrakt": ein Ehemann, der seine Frau ohne Skrupel in den Rollstuhl hineinschwindelt, sie in ein entferntes Kaff fortlügt, nur damit sie nicht zur Zeugin seiner "Geheimnisse" wird, verrät die bedrohende Wirksamkeit der "Institution", die er doch scheinbar so leicht und locker zu umgehen und nehmen versteht, auf angstvollste und brutalste Weise. Und Frauen, die Rechenexempel darüber anstellen, daß sie ihrem Liebhaber in dem Moment im Zug-um-Zug-Geschäft gehören würden, in dem sie den Mann "in flagranti" erwischten, verraten mehr über die Leidenschaft der Konventionen, als ihnen lieb sein kann.

Dergleichen kommt in allen Stücken Feydeaus vor. Wie immer wird auch in dem Stück "Einer muß der Dumme sein" im ersten Akt eingefädelt (möglichst viele wollen sich zu möglichst vielen legen und sind sich dabei ungelegen), was sich im zweiten Akt zum farcenhaften Alptraum verdichtet (die Ur-Angst aller Übereinkünfte: bei ihrer Durchbrechung "ertappt" zu werden, noch dazu im mißdeuteten "in flagranti"), um sich im dritten Akt wieder in das Wohlgefallen, der Konvention aufzulösen. Feydeaus Farcen sind auch deshalb verräterisch lustig, weil sie die hemmungslose Lustsuche immer in die frustrierende, zu nichts führende Unlust bringen. Sein Spiel mit den Figuren und dem Publikum ging so weit, daß er scheinheilig durch bösartige Verquickungen und Verwicklungen die Moral immer unbeschädigt alle ihre Vernichtungsversuche überstehen läßt. Sie bleibt Sieger, obwohl alle ihre Niederlage auf das sehnlichste begehren.

Perfide-lustvoller Ausdruck dieser Situation, in einem Stück, wo jeder der Dumme sein muß: als Redillon, der Frau Vatelin jahrelang vergeblich anschwärmte, endlich unvermutet in ihren Genuß kommen könnte, da sie ihren Mann in flagranti ertappt zu haben glaubte und jetzt Gleiches mit Gleichem vergelten möchte, da findet sie ihren Liebhaber, weil dieser sich in den Armen eines leichten Mädchens über ihre bisherige Zurückhaltung ausgiebig gerade eine Nacht lang getröstet hat, so geschwächt, daß er "nicht Herr der Lage" werden kann. Und als sein knurriger Diener ihm echte Lebenshilfe bieten möchte, indem er wegzueilen verspricht, um Koteletts in holen, fühlt sich Redillon zuerst zu sehr in den praktischen Dingen ertappt, während er doch "Erhabenes" redet, daß er den Diener anschnauzt, ihn aus den höheren Regionen gescheucht zu haben, dann aber ganz praktisch noch grüne Bohnen hinzubeordert.