Von Karl-Heinz Janßen

Gunnar Jarrings, des UN-Vermittlers, dritter Anlauf zum Frieden in Nahost ist von Israelis und Ägyptern mit solch düsterem Pessimismus untermalt worden, daß sich die Frage nicht unterdrücken läßt, warum sie sich dann überhaupt auf eine so hoffnungslose Sache eingelassen haben. Die Antwort fällt nicht schwer: Es gibt für die beiden Gegner an der Suezfront keine Alternative – es sei denn einen neuen Krieg, den keiner wünschen kann.

Außenminister Eban hat noch einmal wortreich beklagt, daß Ägypten den Waffenstillstand vom August gebrochen habe – andernfalls hätten die Friedensgespräche nun schon im fünften Monat sein können. Ob es freilich sehr weise war, damals die Gespräche mit Jarring schon nach zwölf Tagen abzubrechen, dürfte Eban selber bezweifeln. Inzwischen weiß man ja, daß er zusammen mit seinem Kollegen Allon und dem Washingtoner Botschafter Rabin für die Fortsetzung der Gespräche plädiert hatte.

Für Außenstehende ist es schwer zu entscheiden, ob im vergangenen Sommer die Verschiebung der sowjetischen Raketen bis hart an den Suezkanal vom Buchstaben der Waffenstillstandsvereinbarung gedeckt war oder nicht. Jedenfalls haben beide Seiten die Ruhepause nicht nutzlos verstreichen lassen. Israel aber setzte sich durch den monatelangen Boykott von Jarrings Verhandlungen dem Verdacht aus, seine Friedensbeteuerungen seien gar nicht ernst gemeint gewesen. Die Verzögerung hat Zinsen getragen. Ihre Zustimmung zu den neuen Gesprächen in New York ließen sich die Israelis von Präsident Nixon teuer bezahlen: mit Phantom-Flugzeugen, Panzern, Raketen und elektronischen Abwehrgeräten.

Israelis wie Ägypter versuchen den Eindruck zu erwecken, sie gingen von einer Position der Stärke aus in die neue Gesprächsrunde. Drohgesten und Imponiergehabe ihrer politischen Führer gehören dabei zu den ungeschriebenen Spielregeln. Jarring hat genau vier Wochen Zeit. Am 5. Februar läuft der Waffenstillstand ab, und Kairo will ohne konkrete Verhandlungseröffnung nicht noch einmal verlängern. Wollten beide Seiten auf ihren Maximalforderungen beharren (die auch deswegen so hoch geschraubt sind, um die radikale Opposition in den eigenen Reihen verstummen zu lassen), wäre diese Runde in der Tat schon jetzt gescheitert. Aber einige Passagen in den Reden Sadats und Ebans berechtigen zu der Hoffnung, daß die Klippe des Februartermins umschifft werden könnte.

Eine Einigung, nicht wieder zu schießen, wäre zuwenig. Golda Meir will für den Frieden keinen Preis zahlen, doch ohne Preis wird es ihn niemals geben. Und der Regierung in Jerusalem würde eine Geste des Einlenkens leichter fallen können als den Nachfolgern Nassers, die alles, nur keine Schwäche zeigen dürfen.

Die Verhandlungsposition der Israelis ist nicht ungünstig. Das Kräftegleichgewicht an der Kanalfront ist wiederhergestellt, die Ostflanke seit dem jordanischen Bürgerkrieg praktisch frei, die Heimatfront dank des taktischen Geschicks von Golda Meir gefestigt. Je länger Israel zögert, desto mehr wird es sich in den Vereinten Nationen isolieren, desto abhängiger wird es politisch von Amerika, auf dessen Hilfe es angewiesen ist, desto gebietender könnte der Zwang werden, die wachsende numerische und technische Stärke des Gegners durch einen neuen Präventivkrieg aufzufangen. Neue Kampfhandlungen aber könnten jederzeit die Sowjetunion ins Spiel bringen – nicht ohne Absicht gab Sadat gerade jetzt das Geheimnis preis, daß sowjetische Soldaten Seite an Seite mit ihren ägyptischen Kameraden gefallen seien.