Über den Bund "Freiheit der Wissenschaft" und die Professoren Mitscherlich, Pross und Lepenies

Von Richard Löwenthal

Vor einem Monat beschrieb ich an dieser Stelle die Gründung des Bundes "Freiheit der Wissenschaft als einen Appell, die notwendige inhaltliche Reform der deutschen Hochschulen mit der Abwehr der Gefahren für Wissenschaft und freiheitliche Demokratie zu verbinden, die durch den institutionalisierten Einfluß ideologisch fanatisierter studentischer Gruppen, droht. Seither hat dieser Appell viel ermutigende Zustimmung erfahren – an den Universitäten wie in der Öffentlichkeit. Doch es gibt noch immer "linksgerichtete" Hochschullehrer, die – wie Alexander Mitscherlich und Harry Pross in ihren Beiträgen und Wolf Lepenies in seinem Leserbrief – die Gefahr zu bagatellisieren oder ganz zu leugnen suchen.

Mitscherlich bestreitet die Existenz eines Klimas massiver Einschüchterung an unseren Hochschulen, obwohl er zugibt, daß es zu "quälerischen Übergriffen gegen Professoren – meist noch gegen die falschen" gekommen ist. Welch ein verräterischer Satz aus dem Unbewußten eines Psychoanalytikers! Wären denn die Infamien, mit denen seinen Freunden Adorno und Habermas das Leben oder die Lehrtätigkeit vergällt wurde, weniger infam gewesen, wenn sie statt linksstehender Aufklärer konservative Fachgelehrte getroffen hätten? Aber Mitscherlich erwähnt die "Quälereien" in der Vergangenheitsform und fordert "Beispiele neuesten Datums". Dem Manne kann geholfen werden,

Nur Einzelfälle?

Am 20. November wurde eine Sitzung der Architekturfakultät der Berliner Technischen Universität von linksradikalen Studenten gesprengt, die den Teilnehmern Personalakten mit Gewalt entrissen, den Dekan, der sich dagegen wehrte, niederschlugen und auf ihm herumtrampelten. Ein anderer Professor wurde im Gesicht verletzt. – Am 10. November wurce das theologische Seminar an der Pädagogischen Hochschule Berlin von linksradikalen Studenten gesprengt und die Teilnehmer, einschließlich des Professors, "aus dem Raum getragen". – Am 8. Dezember wurde die Sitzung des Fachbereichsrats "Neuere Philosophien" der FU Berlin von linksradikalen Studenten mit Würfen von Farbeiern und Knallkörpern gesprengt, weil diese – "demokratisch" auf Grund des Universitätsgesetzes gebildete – Körperschaft die Anträge der "Roten Zelle" auf Einstellung "marxistischer" Tutoren für einen "alternativen Studiengang" abgelehnt hatte. Der Vorsitzende – der gleiche liberale Professor Loos, der vor drei Jahren die Gedenkrede auf Benno Ohnesorg im Auditorium maximum hielt –, an dessen Platz die Störer zu Beginn der Sitzung einen "Begräbniskranz" niedergelegt hatten, wurde beim Verlassen des Präsidialamts, wo er über den Vorfall berichtet hatte, von Studenten, die ihm gefolgt waren, in die Kniekehlen getreten. – Am 16. Dezember wurde die Sitzung des Fachbereichsrats Wirtschaftswissenschaft der FU von linksradikalen Studenten gesprengt, weil diese – ebenso demokratische – Körperschaft sich weigerte, einen von der "Roten Zelle" vorgeschlagenen "Marxisten" auf einen Lehrstuhl zu berufen, für den ihm nach Ansicht der Mehrheit die wissenschaftliche Qualifikation fehlte; anschließend blockierten die Teilnehmer an der Aktion die Hörsaaleingänge, um einen "Streik" zu erzwingen.

Vier Beispiele aus den letzten vier Wochen allein in Berlin! Ein Sonderfall? Nun, in Hamburg wurde der frisch aus Berlin berufene Wirtschaftswissenschaftler Horst Sanmann während der ersten Wochen des Semesters an der Abhaltung seiner Vorlesung systematisch von Studenten gehindert, die nicht über Thema und Methode der Vorlesung, sondern über Sanmanns hochschulpolitische Auffassungen diskutieren und ihn als "Reaktionär" entlarven wollten.