Die katholische Kirche Polens ist überraschend mit weitreichenden Forderungen an die neue Staats- und Parteiführung herangetreten. In einer Neujahrsbotschaft, die von allen Kanzeln verlesen wurde und deren selbstbewußter Ton allgemein erstaunte, stellte der Primas von Polen, Kardinal Wyszynski, folgende Forderungen: Gewissens- und Glaubensfreiheit; "soziale Gerechtigkeit"; "Wahrhaftigkeit" der Information und Meinungsfreiheit; Recht auf ausreichende materielle Lebensbedingungen und stärkerer Schutz des Bürgers vor staatlicher Willkür.

Die Forderungen entsprechen inhaltlich etwa den Zusagen Giereks. Neu ist, daß sich die Kirche hier erstmals unumwunden als Sprecher der Arbeiterschaft gegen die Staatsführung darstellte, wobei offengelassen wurde, ob die in den Forderungen versteckten Vorwürfe sich gegen die alte Parteiführung richten oder als Mahnung an die neue verstanden werden sollen.

Parteichef Gierek hat inzwischen zu verstärkten wirtschaftlichen Anstrengungen aufgerufen. Der Staat werde zwar wirtschaftlich schwachen Familien Unterstützung gewähren, doch reichten die zur Verfügung stehenden Mittel nach Warschaus ungewöhnlich offenem Eingeständnis nicht aus, alle Härtefälle zu beseitigen. Echte Hilfe könne nur eine gesteigerte Produktivität bringen.