In den schicksalsschweren Vorweihnachtstagen, als der polnischen Nation das Chaos drohte, hat die katholische Kirche verantwortungsvoll geschwiegen. Jetzt aber, da die Ruhe wieder eingekehrt ist, nennt sie ihren Krisenpreis. In einem zu Neujahr von allen Kanzeln verlesenen Hirtenbrief hat sie der neuen politischen Führung fordernd einen Katalog von demokratischen Freiheitsrechten vorgehalten, die "ewig erhalten" und geschützt werden müssen. Dazu gehören: das Recht auf Freiheit des Gewissens und der Religionsausübung, das Recht auf soziale Gerechtigkeit und materiell befriedigende Lebensbedingungen, das Recht auf wahrheitsgetreue Informationen, das Recht der Bürger, nicht beleidigt, verletzt oder verfolgt zu werden.

Hier verteidigt der Klerus mehr als religiöse Privilegien. Was die Bischöfe fordern, sind innenpolitische Erleichterungen, die nicht nur auf dem guten Willen der Mächtigen, sondern auf verbrieften Rechten und institutionellen Garantien beruhen.

Der Neujahrs-Wunschzettel des polnischen Klerus ist voll politischer Brisanz. Der neue Führungsstil von Parteichef Gierek und sein Versprechen der "sozialistischen Demokratie in allen Lebensbereichen" sind zwar ein guter Anfang, die Erfahrungen mit Gomulka haben jedoch gezeigt, daß es zur demokratischen Erneuerung in Polen mehr braucht als einen guten Mann mit einem guten Start. Die Bischöfe verlangen Freiheiten für das Volk, die "tschechoslowakische Risiken" in sich bergen. Gierek muß sie fürchten.

Es bleibt abzuwarten, ob der Kardinal dem Gomulka-Erben schon jetzt den Kampf ansagen oder nur seine Verhandlungsposition für die angekündigten Normalisierungsgespräche zwischen Staat und Kirche stärken wollte. So oder so scheint sich in Polen eine neue Kraftprobe zwischen kommunistischer Macht und katholischer Gegenmacht anzubahnen. A. K.