So schrieb 1799 Dorothea Veit an den Freund Friedrich Schleiermacher: "Die Fichte habe ich besucht, Gott bewahre uns! Wie konnte der Mann seinen Mangel an Poesie so beurkunden!" Ein Stückchen Klatsch im Brief und außerdem wohl ein Signal: Eine selbständige Literatin, eine denkende Romantiker-Geliebte, fiel über ein Eheweib der älteren und gröberen Sorte her. Die Stelle ist in einem Sammelband zu finden:

"Das Volk braucht Licht – Frauen zur Zeit des Aufbruchs 1790–1848 in ihren Briefen", mit zeitgenössischen Scherenschnitten; Schriftenreihe Agora, Darmstadt/Zürich; 794 S., 28,– DM.

Der Dresdner Günter Jäckel hat die Dokumente ausgesucht, die Sammlung ist in Ostberlin, im Verlag der Nation, vor vier Jahren zum erstenmal erschienen. Manfred Schlösser in Darmstadt, der die "Schriftenreihe Agora" verantwortet, hat dem DDR-Produkt noch einiges hinzugefügt: ein Nachwort, eine Zeittafel und beinahe hundert Seiten Texterläuterungen.

Alle Briefe, die der Band vereinigt, sind von Frauen, und zwar ausschließlich von deutschen abgefaßt worden, einige noch in den siebziger Jahren des achtzehnten Jahrhunderts, ein paar Nachzügler erst gegen 1850. Der Buchtitel verschiebt die Daten etwas, wohl dem revolutionären Hintergrund zuliebe. Klassiker-Gefährtinnen und die berühmten Damen der Romantik äußern sich: Goethes Mutter, Goethes Frau, die Stein, die Willemer, Charlotte von Kalb und Charlotte von Schiller, Susette Gontard und Johanna Schopenhauer, die eine durch den Hauslehrer zu Ruhm gekommen und die andere durch den schwierigen Sohn, die Salon-Inhaberinnen Caroline Schlegel, Dorothea Schlegel und Rahel Varnhagen, Bettina Brentano und die arme Günderode, Caroline Herder und Sophie Mereau, die zu Clemens Brentano gehörte.

Der Zusammenhang wirkt oft recht lose, auch wenn Kriege und Revolutionsnachrichten allen Unruhe bereiten. Die Rollenerwartung der Frauen – das feine Wort gab es noch nicht – wandelte sich in gebildeten Kreisen ein wenig ab, trotzdem blieben Frauen durch ihr Geschlecht wie durch den Stand fixiert und seufzten, was die weibliche Bestimmung anging, selten und gedämpft.

Es war die Zeit der Freudentränen und des Tees, man war ja, äußerlich, nicht anspruchsvoll. "Im Arm der Freunde geweint!" Das schrieb die einundzwanzigjährige Caroline Flachsland an den künftigen Ehemann. "Süßester, holder Freund, Du wirst doch glauben, daß Du dabei wärest?" Zu dritt geweint – und gar nichts war passiert. Ein junges Mädchen und zwei reifere Poeten überließen sich in aller Unschuld der gelungenen Geselligkeit, dem Einklang eines Augenblicks.

Die Mode der Empfindsamkeit klang ab, der Klatsch hielt besser durch, und auch die praktischen Probleme gaben einigen Stoff her. Daß Dir der Kaffee nicht schmeckt", schrieb Caroline Humboldt an Wilhelm aus Rom, "tut mir unendlich leid. Wenn Du eine Kaffeemaschine hast, so ist er gar nicht zu verderben, allein die Größe der Maschine muß der Zahl der Tassen angemessen sein. Für eine oder zwei Tassen, wie Du trinkst, gehört eine sehr kleine Maschine. Wenn Du die hast, die nicht alle Welt kosten kann, so muß nur vorzüglich auf das Brennen des Kaffees gesehen werden Und nach weiteren Erläuterungen: "Das ist die ganze Kunst, und ich wette, der Jäger wird es gleich können." Nicht nur die Humboldts und nicht nur die Herren der besseren Stände hielten sich – noch in der ärgsten, laut beklagten Armut – den langweiligen Teil der Hausarbeit durch einige Bedienstete vom Leib.

Christa Rotzoll