Ende dieser Woche wird der Vorstand des Organisationskomitees für die Olympischen Spiele 1972 darüber beraten, von wem und wie der Olympiafilm zu produzieren ist; und wenn auch noch keine Entscheidung bis zum Vertragspunktum fallen dürfte, so werden jetzt doch die Weichen gestellt.

Ein Olympiafilm ist Pflicht. Die Statuten des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) schreiben vor, daß die Endkämpfe kinematographisch aufzunehmen sind. Das Dokument kommt ins Archiv des IOC; es darf ausgeliehen, jedoch nicht kommerziell genutzt werden. Aber um diesen Dokumentarstreifen, den man aus Fernsehaufzeichnungen zusammenschneiden wird, geht es nicht. Was in München an diesem Wochenende zur Debatte steht, ist nicht die Pflicht, sondern die Kür: Es geht um den anderen Olympiafilm, den großen, abendfüllenden, von dem man erhofft, daß er auch die Kinos fülle, und der sehr wohl Geld einbringen soll.

Bislang sind sechs solcher Olympiafilme gedreht worden. Einer von ihnen wird zuweilen heute noch, in den USA vor allem, vorgeführt und läßt dann immer noch die Kasse klingeln: Leni Riefenstahls Monumental-Panorama von den Olympischen Spielen 1936 in Berlin. Dieser Film wird als raffinierte Schaustellung des "Dritten Reiches" geschmäht, als Apotheose des Sports gefeiert, als cineastisches Meisterstück gelobt. Immerhin ist es der erfolgreichste Olympiafilm. Er ist zudem, mag die Kostenseite seiner Bilanz auch undurchsichtig sein, zu einem Gewinngeschäft geworden. Daß er für den Film über die Olympischen Spiele 1972 in München nicht Vorbild sein kann, bedarf keiner Erörterung.

Vorbild kann aber auch nicht der Olympiafilm von 1968, Mexiko, sein. Der hat, wie übrigens auch seine Vorgänger von 1960, Rom, und 1964, Tokyo, den Vorsprung des Fernsehens nicht aufholen können. Die Kinos blieben leer. Die Produktionskosten von mindestens vier Millionen Mark waren vertan. In der deutschen Fassung auf jeden Fall war der Text derart verhunzt, daß die Jury der Oberhausener Sportfilmtage den Film beinahe als indiskutabel abgelehnt hätte; er wurde dann doch gezeigt und gab jenen Kritikern, die Olympiafilme überhaupt für anachronistisch halten, einigen Auftrieb.

Fünf Bewerber hätten im November in Oberhausen ihre Vorstellungen von einem Olympiafilm erläutert. Walter Knoop, Produzent einiger Dutzend Sportfilme: Er müsse Zuschauer anlocken. Peter Schamoni ("Schonzeit für Füchse"): Er solle erregend künstlerisch sein. Willy Bogner ("Skifaszination"): Der Film habe sich echt mit dem Sportler zu befassen. Herbert Fischer, Geschäftsführer bei Bavaria-Inselfilm: Er könne die olympische Idee mit der heutigen Welt konfrontieren. Peter von Zahn: Es gelte, ein politisches Ereignis, gesehen durch die großen Temperamente, durch die Augen begabter Menschen festzuhalten. An Slogans, Ideenfetzen, Geistesgefunkel und Banal-Thesen hatte in der Diskussion um den Olympiafilm kein Mangel geherrscht.

Einig ist man sich darin, daß der Olympiafilm kein simpler Dokumentar- und natürlich kein Spielfilm sein darf. Schuß-Tor-Dramatik wie im Fernsehen wird nicht genügen. Ein cineastischer Hochsprung über alle Zuschauerköpfe hinweg würde den Film freilich ebenfalls, grob gesagt, auf die Nase fallen lassen. Willi Daume, Präsident des Organisationskomitees, läßt zwar keinen Zweifel daran, daß der Olympiafilm nicht nur künstlerischen Ansprüchen genügen, sondern ein modernes Kunstwerk sein soll; daß aber der Sport dabei nicht vergewaltigt werden darf, bleibt für ihn, wie er fordert, eine conditio sine qua non. Und wenn im Film München, Bayern und die Bundesrepublik auftauchen, wäre auch der leiseste Propagandaposaunenton ein Mißton.

Einer allein wird diesen Film nicht machen können, auch nicht mehrere Deutsche allein. Willi Daumes Konzept: ein halbes Dutzend selbständig arbeitender Regisseure, zwei Drittel etwa Ausländer, ein Russe sieht die Spiele, ein Amerikaner... und damit der Olympiafilm nicht in Episoden auseinanderfällt, bedarf das internationale Regisseurteam eines Oberregisseurs gleichsam, der allerdings, schon um die Verantwortlichkeit nicht abzuschieben, ein Deutscher sein sollte. So wie die Dinge nach wochenlanger Diskussion liegen, ist Peter von Zahn der Favorit.