Essen

Er riß die Tür auf, sah die Erwachsenen, fragte atemlos: "Darf ich einen Stuhl haben, wir spielen Schule, ich bin der Lehrer", er kam tänzelnd wie ein Boxer näher, als jemand ihm zurief: "Bleib einen Augenblick bei uns, erzähl uns von deinen Geschwistern." Tonio, schwarzhaarig, schwarzäugig, ein Zwölfjähriger von wilder Schönheit, warf lachend beide Hände hoch, spreizte seine zehn Finger ("So viele Brüder und Schwestern hab ich"), sprudelte zehn Kurzbiographien heraus, stolz wie man Großartiges berichtet: "Unser Marc ist 17, der kann nicht sprechen. Unsere Tania ist 16, die lernt in einer Fabrik. Unsere Angela ist 15, die ist geistig behindert. Unser Mario geht in die Hilfsschule." Den anderen bis hinunter zum Säugling Tamara, "denen geht es auch ganz prima", sagte Tonio, er selbst besuche eine Volksschule ("vielleicht komme ich auf die hohe Schule"); und bald – Tonios Hände deuteten flink eine riesige Bauchwölbung an – "bald kriegen wir wieder ein Kind". Sekunden später war er draußen, schrie zurück: "Danke für den Stuhl, den bring ich nachher wieder."

So lernte ich Tonio kennen im Camp 70 auf einem Freizeitgelände in Erkenschwick bei Recklinghausen. Danach sah ich Tonio oft: rennend, tobend, schreiend vor Lebenslust. Sein schmächtiger Körper war ständig in Bewegung. Wie Tonio waren viele der 190 Kinder: ausgehungert nach Bewegung und Platz, Platz und Bewegung so ungestüm auskostend, daß es den Beobachter mitunter wie Irrsinn anmutete. Andere Kinder konnten das nicht, noch nicht, nicht mehr? Sie standen abseits, riskierten kaum zwei Schritte, weinten ohne ersichtlichen Grund, lagen einander plötzlich prügelnd in den Haaren, kauten Nägel, klammerten sich an die Hände ihrer Helfer.

Tonio und die anderen gehören zu 4000 Kindern, die mit 2000 Erwachsenen achtzehn Notunterkünfte in Essen bevölkern. Was amtlich "Soziale Brennpunkte" genannt wird, heißt bei der Bevölkerung "Mau-Mau", und für viele gute Bürger sind alle Brennpunktbewohner "Asoziale". Vor sieben Jahren lebten noch 12 000 Personen in den Unterkünften. Daß es weniger wurden, ist ein schwacher Trost für die, die bleiben mußten, und denen vier Quadratmeter Wohnraum pro Kopf zustehen. "Echte Asoziale, die überall verkommen und scheitern, sind Ausnahmen. Unter den 6000 Brennpunktbewohnern in Essen sind es höchstens fünf Prozent", sagte der 28 Jahre alte Sozialarbeiter Horst Radtke im Erkenschwicker Camp 70.

Radtke muß es wissen. Er geht seit Jahren bei den Ausgestoßenen aus und ein: nach Feierabend schlugen er und seine Freunde von den "Falken" die ersten Brücken zwischen der trostlosen Gettowelt und der Gesellschaft, die sie zuläßt. Die jungen Leute gewannen das Vertrauen der Kinder, der irgendwann einmal gestrandeten Erwachsenen, der Alkoholiker, der Mütter mit ihrem zusammengepferchten Kinderscharen, für die es keine Wohnungen gibt. Heute tut Radtke seine Arbeit hauptamtlich im Auftrag der Arbeiterwohlfahrt. Die Stadt Essen, die "Falken" und die Arbeiterwohlfahrt riskierten gemeinsam das Experiment Camp 70: drei Wochen Freizeit mit 190 Kindern, von denen keines normal im herkömmlichen Sinne ist, weil keines unter halbwegs normalen Bedingungen aufwächst.

Das beinahe Sensationelle an der Sache sind die Partner der sozialen Profis: Männer, Frauen und Jugendliche, die selbst in den Brennpunkten leben. Radtke erinnert sich: "Es war ein hartes Stück Arbeit, ihr Selbstbewußtsein so weit zu stärken, daß sie sich zu Interessengemeinschaften zusammenschlössen. Wo das geschah, ging es aufwärts." Ein Brennpunktbewohner definiert es so: "Wir sind keine Westentaschenlobby in der Stadtregierung. Die Interessengemeinschaft vermittelt zwischen den Bewohnern der Brennpunkte und den Behörden und Ämtern." Der Erfolg ist sichtbar: einige Brennpunkte wurden saniert, es wurden Wasserleitungen gelegt und Stacheldrahtverhaue niedergerissen. In manchen Brennpunkten entstanden Jugend- und Altenklubs und Hobbyräume. Geblieben ist die Qual der Enge, die Qual gebrandmarkt zu sein, als einer von "Mau-Mau".

Am Camp 70 waren die Interessengemeinschaften entscheidend beteiligt. Ein großer Teil der 51 Helfer rekrutierte sich aus Brennpunktbewohnern. Das gab Spannungen, aber die von vielen Fachleuten prophezeite. Katastrophe blieb aus. Das Camp war eine kleine Stadt mit Gruppenhäusern, Post, Sparkasse, Küche, Wäscherei und Konsum. Es gab eine eigene von den Kindern hergestellte Camp-Zeitung, und es gab Neigungsgruppen. Man trieb Sport und wanderte, am Tage und mitunter auch nachts. Man hatte mit Neurosen und Aggressionen zu tun und beriet sich im Helferkreis mitunter halbe Nächte lang.