ARD, Sonntag, 3. Januar: "Die sich Christen nennen", von Gustav Strübel

Nach seiner Priesterweihe war er in einer progressiven Industriekleinstadt gewesen, eine kurze Zeit nur, aber lange genug, um eine Menge reformerischer Ideen verwirklichen zu können, die Jugend war begeistert, die Erwachsenen liefen mit, und der Pfarrer übersah, was er nicht verstand. Nun kommt er in dieses stockkonservative schwäbische Nest, soll hier den kränkelnden Pfarrer entlasten, will es versuchen wie vorher, macht sich an die 6a in der Oberschule und hat sie bald auf seiner Seite, findet Unterstützung bei einem Sportlehrer und versorgt eine Handvoll Amateure mit Texten und Noten für einen Jazz-Gottesdienst. Reicht das?

Reicht das bei einem Pfarrer, der einmal zur liturgischen Bewegung gehörte, aber heute noch seinem neuen Vikar "das Gesetz Gottes in der Ehe" von 1934 als Richtschnur fürs Beichtehören empfiehlt und eine Frauenärztin, die die Pille verschreibt, eine "Feindin der Kirche" nennt? Bei einem Pfarrgemeinderat, der auf Knaus-Ogino schwört und die Fronleichnamsprozession leidenschaftlich verteidigt?

Reicht es, wenn er am offenen Grab eines jungen Mädchens, post abortum, den Mund aufmacht, "wir haben sie in diese Ausweglosigkeit hineingetrieben. Wir. Die sich Christen nennen", wenn er die pietistischen Schriftchen aus dem Stand unten im Turm in den Mülleimer wirft, wenn er in der Schule den holländischen Katechismus benutzt?

Es reicht zur Versetzung.

Gustav Strübels Fernsehspiel darüber, wie die konziliaren Reformen auf dem Wege zur religiösen Praxis in der Provinz – und nicht nur der Provinz – langsam, aber sicher versickern, schilderte das Milieu echt. All diese Typen von kleingeistigen Hütern heiligster Werte gibt es die Hülle und Fülle, und dem Progressiven stellen sie genau die hier aufgezeigten Hindernisse aus verklemmter Sexualmoral und dogmatischer Engstirnigkeit in den Weg. Die Argumente also stimmten. Auch die Schreibtischdiktionen mochte man hinnehmen, mittelmäßige katholische Pfarrer- und Krämerseelen artikulieren sich so papieren. Auch das also paßte.

Und es paßte dann wohl auch das Technische. Es gehört wohl zum Kirchlichen hinzu, daß man das gedanklich Halbe und Unfertige und letztlich Gekünstelte auch als Darsteller halb und unfertig und gekünstelt vorführt – auch wenn es sicherlich nicht in der Absicht des Teams gelegen hat. Diese Pseudofeierlichkeit, ein Teil Pathos und ein Teil Neurose, etwas Heiligenschein und etwas naßforsche Jugendbewegtheit, das Korrekte im Scheitel und das Etepetete beim Essen – wenn ein schlechter Schauspieler das mimt, potenziert es sich zur Unerträglichkeit. Nur, daß die Interessierten aus dem eigenen Lager es dann großartig finden.